DGT
Digital Game Technology (DGT) ist ein niederländisches Unternehmen mit Sitz in Enschede, das sich auf die Entwicklung und Herstellung digitaler Schachprodukte spezialisiert hat. Dazu zählen insbesondere digitale Schachuhren, elektronische Sensor-Schachbretter (DGT e-Boards) sowie schachbezogene Hard- und Software. DGT gilt als einer der weltweit führenden Anbieter in diesem Segment und ist seit den 1990er-Jahren eng mit dem internationalen Turnierschach verbunden.
Geschichte
Gründung und frühe Jahre
Die Ursprünge von DGT gehen auf eine Erfindung aus der Mitte der 1980er-Jahre zurück. Der niederländische Informatikstudent Ben Bulsink entwickelte damals an der Universität Twente eine digitale Schachuhr, die vom Verbandsmagazin als "perfekte Schachuhr" gelobt wurde. Aufgrund der hohen Herstellungskosten blieb diese erste Uhr jedoch eine Rarität, nur etwa 60 Stück wurden handgefertigt, bevor Bulsink an die Universität zurückkehrte. Einige Jahre später erkannte der Schachtrainer und Organisator Albert Vasse das Potenzial digitaler Zeitmesser. Als Anfang der 1990er die Melody Amber-Schachturniere das neue Fischer-Bedenkzeitformat (mit Zeitgutschriften pro Zug) einführen wollten, wandte sich Vasse an Bulsink. Gemeinsam überzeugten sie den Turniersponsor Joop van Oosterom und entwickelten die ersten erschwinglichen Digitaluhren für den Schachsport.
1992 gründeten Albert Vasse, Ben Bulsink und Paul Arentz offiziell die Firma DGT Projects in Enschede (Niederlande), um diese neuartigen Schachuhren zu produzieren. (Das Firmenkürzel DGT stand zunächst für "Digital Game Timer", also digitale Spiel-Uhr und wurde später zu "Digital Game Technology" erweitert.) Ein wichtiger Meilenstein folgte 1993. Auf der FIDE-Generalversammlung in Curitiba erhielt DGT den Auftrag, die offizielle Schachuhr der FIDE zu liefern. Damit begann eine bis heute andauernde Partnerschaft und bereits 1994 wurden die ersten DGT FIDE-Schachuhren weltweit im Turnierschach eingesetzt.[1]
Der Durchbruch der digitalen Uhr galt als revolutionärer Schritt in der Schachwelt, da nun Fischer-Bedenkzeit und präzise Zeitmessung verlässlich umgesetzt werden konnten. Anfangs arbeiteten die Gründer noch von zu Hause aus, doch schon bald wuchs das Unternehmen und bezog größere Räumlichkeiten in Enschede.
Entwicklung der Schachuhren und Etablierung im Turnierschach
DGT etablierte sich in den Folgejahren als führender Hersteller digitaler Schachuhren. Nach dem ersten DGT FIDE Modell (1994) brachte das Unternehmen stetig verbesserte Timer auf den Markt. 1994 erschien die DGT Plus, die in Zusammenarbeit mit dem Europäischen Go-Verband entwickelt wurde und akustische Signale bei knapper Restzeit geben konnte. 1996 folgte mit der DGT TopMatch die erste Uhr, die per Schnittstelle an ein elektronisches Schachbrett anschließbar war. Ein großer Erfolg war die DGT2000-Schachuhr (eingeführt 1998), die gegenüber dem FIDE-Modell ein klareres Display bot und jahrelang die meistverkaufte digitale Schachuhr der Welt war, bis sie später von neueren Modellen abgelöst wurde.
In den 2000er-Jahren setzte DGT die Innovationsserie fort. 2003 erschien die DGT XL, welche ein extragroßes Display, erweiterte Zeitmodi (u. a. für Scrabble) und eine verbesserte Konnektivität zu E-Brettern bot. Für den Massenmarkt und den Schulschachbereich wurden 2005 die einfach zu bedienenden DGT Easy und Easy Plus Uhren veröffentlicht. Ein weiterer wichtiger Meilenstein war die DGT2010, die 2007 eingeführt und nach intensiven Tests im Juni 2008 als "Official FIDE Chess Clock"[2] anerkannt wurde. Dieses Modell, erkennbar an den blauen Knöpfen in der neueren Version, wurde zum Standard bei FIDE-Turnieren weltweit.
2014 präsentierte DGT mit der DGT3000 ein nochmals verbessertes Top-Modell, das erstmals im WM-Match zwischen Magnus Carlsen und Viswanathan Anand in Sochi eingesetzt wurde. Die DGT3000 verfügt über ein noch größeres Display, diverse neue Funktionen und Anschlussmöglichkeiten an PC und E-Brett. Zuletzt brachte DGT anlässlich seines 30-jährigen Jubiläums 2023 die DGT2500 heraus, eine Schachuhr, die auf Basis von drei Jahrzehnten Erfahrung nochmals Verbesserungen vereint und als neues Spitzenmodell gilt. Neben diesen Turnieruhren hat DGT auch Spezialtimer im Sortiment. So erschien 2008 eine handliche Taschen-Schachuhr für Chess960 (Fischer Random Chess), die per Zufallsgenerator die unkonventionellen Startaufstellungen erzeugen kann. Ebenfalls ungewöhnlich waren die Mehrspieler-Uhren DGT Cube (2010) mit sechs seitlichen Uhren und die vierseitige DGT Pyramid (2011) für Partien mit mehreren Teilnehmern. Beispiele dafür, wie DGT über klassische Schachformate hinaus innovatives Spieldesign wagte.
Elektronische Schachbretter und Schachcomputer
Parallel zu den Uhren entwickelte DGT auch elektronische Schachbretter (E-Boards), die Züge in Echtzeit erfassen und übertragen können. Den Anstoß gab ein Projekt für die Schacholympiade 1998 in Elista. Die FIDE wünschte den Einsatz elektronischer Bretter und DGT stellte sich der Herausforderung. Rechtzeitig zum Turnier gelang es, ein Netzwerk von 328 digitalen Schachbrettern aufzubauen, das alle Partiezüge automatisch erfasste und für Live-Präsentationen im Internet und für das gedruckte Bulletin des Turniers bereitstellte. Dieser erfolgreiche Einsatz markierte den Durchbruch der Live-Übertragung im Schach. Fortan konnten Millionen von Schachfans weltweit Partien großer Turniere live online verfolgen, statt nur auf spärliche Zwischenberichte angewiesen zu sein. In den folgenden Jahren wurden die DGT-Bretter ständig weiterentwickelt und bei nahezu allen bedeutenden Wettbewerben eingesetzt, von Weltmeisterschaften bis zu Schacholympiaden. Die Holzbretter mit figurenerkennender Sensor-Technologie und die dazugehörigen elektronischen Figurensets wurden zum Quasi-Standard im Turnierschach.[3]
Revelation II (2013)
Der Revelation II wurde 2013 von Phoenix Chess Systems in Zusammenarbeit mit DGT entwickelt. DGT fungierte als offizieller Vertriebspartner.
Es handelte sich um ein sensorbasiertes Holzbrett in Turniergröße mit integrierter Recheneinheit, Display und LED-Anzeigen. Das System unterstützte verschiedene Schach-Engines und Softwaremodule. Zielgruppe waren insbesondere Sammler und Liebhaber klassischer Schachcomputer.[4]
Im Jahr 2015 verkauften Bulsink und Vasse das Unternehmen und Hans Pees wurde neuer CEO. Ben Spenkelink wurde DGTs Entwicklungschef.
Um die Technik einem breiteren Publikum zugänglich zu machen, führte DGT 2017 günstigere Kunststoff-Livebretter ein, die sogenannten DGT Smart Boards. Diese bieten die Kernfunktionalität der Turnierbretter zu einem niedrigeren Preis und richten sich an Vereine, Trainer und ambitionierte Hobbyspieler. Darüber hinaus stieg DGT in den Bereich der Schachcomputer ein. 2016 veröffentlichte das Unternehmen mit dem DGT Pi einen Aufsatz in Form einer Schachuhr, der herkömmliche E-Bretter in vollständige Schachcomputer verwandelte – inklusive integrierter Schachprogramme und Anzeige.
2019 kam der DGT Centaur auf den Markt, ein sensorbasiertes Schachbrett mit eigenem adaptivem Schachprogramm, das sich automatisch der Spielstärke des Benutzers anpasste. Dieses eigenständige Gerät zielte darauf ab, Spielern ein natürliches Partiegefühl auf einem realen Brett zu ermöglichen und dabei einen ebenbürtigen (lernenden) Computergegner zu bieten. Zwei Jahre später folgte DGT Pegasus (2021), das erste DGT-Brett, das speziell für Online-Schach entwickelt wurde. Es verbindet sich via Bluetooth mit Schachplattformen, sodass Partien über das Internet auf einem physischen Brett gespielt werden können.
Revelation II Anniversary Edition (2019)
Ebenfalls 2019 erschien der Revelation II Anniversary Edition. Diese Version bot verbesserte Hardware, höhere Rechenleistung und aktualisierte Engines. Sie wurde ebenfalls in Kooperation zwischen Phoenix Chess Systems und DGT realisiert.
Beide Revelation-II-Modelle gelten inzwischen als Sammlergeräte und sind nicht mehr regulär im DGT-Produktprogramm (out of production).
2020er-Jahre
DGT erweiterte sein Portfolio um neue Bretter, Uhren und vernetzte Produkte. 2023 feierte das Unternehmen sein 30-jähriges Bestehen. Im selben Jahr wurde der Tod des Mitgründers Albert Vasse bekannt, der über viele Jahre als Geschäftsführer tätig gewesen war.[5]
2024 wurde die Kooperation zwischen DGT und der FIDE erneut verlängert. Die Vereinbarung umfasst die Bereitstellung von Schachuhren und elektronischen Brettern für offizielle FIDE-Wettkämpfe.[6]
Produkte
Digitale Schachuhren
DGT ist vor allem für digitale Schachuhren bekannt. Diese unterstützen verschiedene Zeitmodi (z. B. Inkrement, Delay) und werden weltweit im Turnierschach eingesetzt. Modelle wie die DGT 2010, DGT 3000 und DGT 2500 gehören zu den bekanntesten Turnieruhren.
Elektronische Schachbretter (DGT e-Boards)
DGT e-Boards sind Sensorbretter mit Figurenerkennung. Sie dienen der Partieübertragung, Analyse, Trainingszwecken und dem Online-Spiel. Es existieren Holz- und Kunststoffvarianten.
Schachcomputer und vernetzte Systeme
DGT bietet auch integrierte oder vernetzte Schachsysteme an, darunter Bretter für das Online-Spiel und Trainingsgeräte mit adaptiver Spielstärke.
Bedeutung
Nach über 30 Jahre der Firmengründung steht DGT als weltweit führende Marke für Schachtechnologie da. Das Unternehmen hat sich vom studentischen Garagenprojekt zu einem globalen Ausrüster entwickelt und vertreibt seine Produkte in mehr als 120 Ländern über ein Netzwerk von Fachhändlern und Distributoren.
Im Juni 2023 feierte DGT sein 30-jähriges Bestehen mit über 150 Gästen, darunter Vertretern der Schachwelt und der Stadt Enschede. Zu diesem Anlass wurde auch der neue Firmensitz in Enschede offiziell eröffnet, ein modernes Gebäude, das die gewachsene Belegschaft und die erweiterten Geschäftsbereiche beherbergt.
Die Bedeutung von DGT für die Schachgemeinde wurde dabei vom Vorsitzenden des königlich-niederländischen Schachbundes hervorgehoben, der die Innovationskraft und den Einfluss des Unternehmens auf das internationale Schach würdigte. CEO und Eigentümer Hans Pees, selbst seit 2009 im Unternehmen und seit 2015 in der Geschäftsführung, gab einen Ausblick auf die Zukunft und betonte den Anspruch, weiter Vorreiter bei neuen "Schachrevolutionen" zu sein. Unter seiner Leitung setzt DGT auf Benutzerfreundlichkeit, Qualität und modernes Design, um das Spielerlebnis stetig zu verbessern.
Die Firmengründer bleiben Teil der DGT-Geschichte: Albert Vasse führte das Unternehmen über zwei Jahrzehnte lang und prägte dessen Erfolg maßgeblich, bevor er sich 2015 aus der Geschäftsleitung zurückzog. 2023 verstarb Vasse im Alter von 64 Jahren. Sein Name bleibt jedoch untrennbar mit der digitalen Schachuhr verbunden, die er einst mitentwickelte.
DGT steht heute sinnbildlich für die Verbindung von Tradition und Technologie im Schach. Ob bei Amateurturnieren im Verein oder auf der Bühne der Schachweltmeisterschaften, die digitale Spieltechnologie von DGT sorgt für Fairness, Spannung und Komfort und ist aus dem modernen Schachbetrieb nicht mehr wegzudenken.
