France double R
In der Goldenen Ära der Schachcomputer, den späten 1970er und frühen 1980er Jahren, spielte die Pariser Firma France Double R eine bemerkenswerte Doppelrolle: Sie war einerseits ein bedeutender Importeur und Distributor internationaler Top-Marken, andererseits Hersteller des ersten in Frankreich entwickelten Edel-Schachcomputers. Auch wenn das Unternehmen nur wenige Jahre existierte (ca. 1978–1983), hinterließ es einen bleibenden Eindruck in der Geschichte des Computerschachs.
Unter der Leitung von Frédéric Ries hatte France Double R ihren Sitz in Paris (5, Rue Baron, 75017), während Teile der Schachcomputer-Fertigung in Saumur stattfanden. Das Unternehmen positionierte sich früh als Spezialist für hochwertige elektronische Spiele und anspruchsvolle Schachcomputer.
Der Distributor: Frankreichs Tor zur Welt des Computerschachs
Bevor France Double R eigene Hardware entwickelte, machte sich die Firma als exklusiver Importeur und Distributor einen Namen. Sie brachte viele der international führenden Schachcomputer erstmals systematisch auf den französischen Markt.
Zu den wichtigsten Vertriebspartnerschaften gehörten:
- Applied Concepts (USA): Vertrieb von Geräten wie Morphy, Steinitz oder Sandy Encore, France Double R verfügte zeitweise über Exklusivrechte in Frankreich.
- SciSys (Hongkong): Exklusiver Vertrieb mehrerer Modelle, darunter das Super System V / Mark V.
- AVE Micro Systems (USA): Bekannt für hochwertige Sensor-Holzbretter, die als Design-Vorbild dienten.
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Prospekt für Applied Concepts
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Prospekt für SciSys
Darüber hinaus war France Double R auch im Bereich elektronischer Unterhaltung aktiv. Die Firma fungierte als europäischer Publisher für LCD-Handheld-Spiele der japanischen Firma Gakken. Titel wie das Angelspiel Fishing (1981) oder kleinere LCD-Spiele wie L’évasion und Pêche au requin erschienen unter der Marke France Double R. Teilweise vertrieb das Unternehmen auch frühe Heimvideospielsysteme und trug so zur Verbreitung elektronischer Unterhaltung in französischen Haushalten bei.
Diese breite Marktpräsenz legte den Grundstein für ein ehrgeiziges Ziel: einen eigenen, hochwertigen Schachcomputer zu entwickeln.
Das Flaggschiff: TSB 4 „La Régence“
1982 setzte France Double R diesen Plan in die Tat um. Nach Kontakten mit David Levy und Kevin O'Connell (Intelligent Software) auf der Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas im Januar 1982 reifte die Idee zu einem eigenen Gerät. Im November 1982 kam schließlich der Electronic TSB 4 „La Régence“ auf den Markt.
Ein Name mit Geschichte
Der Name „La Régence“ war eine bewusste Hommage an das legendäre Pariser Café de la Régence, das vom 18. bis ins 19. Jahrhundert ein Zentrum des europäischen Schachs war. Dort spielten und diskutierten Größen wie Philidor, St. Amant oder Staunton ebenso wie Intellektuelle à la Voltaire und Rousseau. Mit dieser Namenswahl stellte sich das Gerät symbolisch in die Tradition der französischen Schachkultur.
Design und Hardware: „Fabriqué en France“
La Régence wurde stolz als „Premier ordinateur d’échecs fabriqué en France“ beworben.
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Das Gerät war als luxuriöses Möbelstück konzipiert:
Ästhetik und Bauweise
- Großes Holzbrett (50 x 50 x 4,5 cm)
- Edle Marketerie-Arbeiten
- In Frankreich gefertigte Figuren
- Für die Zeit außergewöhnlich flaches Design
Sensorik und Bedienung
- Vollsensitives Brett mit Magnetsensoren bzw. Auto-Response-Technik
- Züge wurden direkt auf dem Brett eingegeben, nicht über Koordinatentastaturen
- 64 LEDs zur Anzeige der Computerzüge
- 14 Funktionstasten am Rand für intuitive Steuerung
- Stellungsspeicher bei Stromausfall
Technische Daten
- Zilog Z80 Prozessor mit 4 MHz
- 2 KB RAM, 12 KB ROM
- 8 Spielstufen
- Modularer Aufbau mit Blick auf mögliche Updates
Die einfache, „sinnliche“ Bedienung durch Figurenbewegung statt Zahleneingabe war besonders für weniger erfahrene Spieler attraktiv.
Das Herzstück: Das Cyrus-Programm
Im Inneren arbeitete eine Version des Programms Cyrus, entwickelt von der britischen Firma Intelligent Software unter Leitung von David Levy und Kevin O’Connell, Hauptautor war Richard Lang, der später mit Mephisto-Programmen weltberühmt wurde, die nahezu identisch mit der für den 48K Sinclair Spectrum war.
Cyrus hatte 1981 ein bedeutendes Turnier in London gewonnen und galt als solides Programm für gehobene Ansprüche, doch die Gegner waren nicht besonders stark und das Tempo ungewöhnlich hoch: 30 Züge pro Stunde statt der üblichen 40 in 2 Stunden. Einige Monate später, bei einem Turnier in Stockholm, diesmal gegen sieben bekannte Computer wie den Challenger Champion, den Savant und den Mephisto, waren die Ergebnisse weniger überzeugend und, ehrlich gesagt, ziemlich desaströs: Er belegte mit nur einem Punkt von sieben den letzten Platz. Schließlich erreichte er im September 1982, erneut in London, den zweiten Platz im Turnier, aber wieder gegen vergleichsweise schwache Konkurrenz: kein Mephisto, kein Sensory 9, keine Elite usw.
Leistungsprofil
- Suchtiefe im Mittelspiel etwa 3–6 Halbzüge
- Ordentlicher Eröffnungsbuch-Umfang - ca. 4.000 Züge
- Schwächen im Endspiel
- Keine Unterverwandlungen
- Keine „unendliche“ Analysestufe
- Mattkombinationen in größerer Tiefe wurden oft verpasst
Die Fachpresse ordnete das Niveau über Programmen wie Sargon 2.5 ein, aber unter der absoluten Weltspitze. Für ambitionierte Hobbyspieler war es gut geeignet, für Turnierspieler weniger.
Vermarktung und Preis
Mit einem Preis von 3.900 Francs war La Régence als „erschwinglicher Luxus“ positioniert. Vergleichbare Holzsensorbretter von AVE oder Mephisto konnten bis zu 6.000 Francs kosten.
Der Vertrieb lief über exklusive Kanäle, zeitweise unter anderem über die Galeries Lafayette in Paris sowie spezialisierte Boutiquen. Die Präsentation galt als äußerst gelungen und hob sich deutlich von den oft technokratischen Designs aus den USA oder Deutschland ab.
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Kommerzieller Misserfolg und Ende der Firma
Trotz des eleganten Designs und positiver Presse blieb La Régence ein kommerzieller Misserfolg. Die Kombination aus hohen Entwicklungskosten, begrenzter Spielstärke und starker internationaler Konkurrenz erwies sich als problematisch.
Bereits 1983 meldete France Double R Konkurs an. Restbestände von La Régence wurden anschließend über Sandy Electronic abverkauft.
Nachwirkung und historische Bedeutung
Heute gilt La Régence als begehrtes Sammlerstück und als Symbol eines kurzen, aber ambitionierten französischen Vorstoßes in die Welt des Computerschachs. France Double R gelang es, französisches Design und Handwerkskunst mit britischer Programmierexpertise zu verbinden und ein Gerät zu schaffen, das in Ästhetik Maßstäbe setzte.
Auch wenn das Unternehmen nur wenige Jahre existierte, bündelte es zeitweise ein außergewöhnlich breites Angebot an High-Tech-Schachcomputern und elektronischen Spielen unter einer französischen Marke. Sein größtes Vermächtnis bleibt der Versuch, dem Computerschach eine eigenständige französische Handschrift zu verleihen.
