Boris Diplomat: Unterschied zwischen den Versionen
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Der '''Boris Diplomat''' war ein tragbarer Schachcomputer des US-amerikanischen Herstellers '''Applied Concepts''', der [[1979]] auf den Markt kam. Er gehörte zur „'''[[Boris]]'''“-Produktlinie, die zu den frühesten kommerziell erfolgreichen Schachcomputerserien zählte. Der Boris Diplomat war der erste Schachcomputer der Welt, der nicht nur am Stromnetz betrieben werden konnte, sondern primär für den Batterie- und Akkubetrieb konzipiert wurde. Mit sechs Batterien des Typs "AA" ließ sich eine netzunabhängige Einsatzdauer von ca. 9 Stunden erzielen, verband kompakte Bauweise mit für die Zeit ordentlicher Spielstärke auf Hobby-Niveau und richtete sich an Schachspieler, die auch unterwegs gegen einen elektronischen Gegner spielen wollten. | Der '''Boris Diplomat''' war ein tragbarer Schachcomputer des US-amerikanischen Herstellers '''Applied Concepts''', der [[1979]] auf den Markt kam. Er gehörte zur „'''[[Boris]]'''“-Produktlinie, die zu den frühesten kommerziell erfolgreichen Schachcomputerserien zählte. Der Boris Diplomat war der erste Schachcomputer der Welt, der nicht nur am Stromnetz betrieben werden konnte, sondern primär für den Batterie- und Akkubetrieb konzipiert wurde. Mit sechs Batterien des Typs "AA" ließ sich eine netzunabhängige Einsatzdauer von ca. 9 Stunden erzielen, verband kompakte Bauweise mit für die Zeit ordentlicher Spielstärke auf Hobby-Niveau und richtete sich an Schachspieler, die auch unterwegs gegen einen elektronischen Gegner spielen wollten. | ||
== Historischer Hintergrund == | |||
ie späten 1970er und frühen 1980er Jahre waren eine Pionierzeit des Computerschachs. Mikroprozessoren wurden erstmals leistungsfähig und günstig genug, um in Konsumgütern eingesetzt zu werden. Firmen wie ''[[Fidelity|Fidelity Electronics]]'', ''[[SciSys]]'', ''[[Novag]]'' und ''Applied Concepts'' konkurrierten in einem schnell wachsenden Markt um die Gunst schachinteressierter Käufer. Applied Concepts hatte sich bereits mit früheren „Boris“-Modellen am Markt etabliert. | ie späten 1970er und frühen 1980er Jahre waren eine Pionierzeit des Computerschachs. Mikroprozessoren wurden erstmals leistungsfähig und günstig genug, um in Konsumgütern eingesetzt zu werden. Firmen wie ''[[Fidelity|Fidelity Electronics]]'', ''[[SciSys]]'', ''[[Novag]]'' und ''Applied Concepts'' konkurrierten in einem schnell wachsenden Markt um die Gunst schachinteressierter Käufer. Applied Concepts hatte sich bereits mit früheren „Boris“-Modellen am Markt etabliert. | ||
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Der Vertrieb erfolgte international über verschiedene Importeure. In Europa übernahmen spezialisierte Elektronik- und Schachcomputerhändler den Vertrieb. Für den deutschsprachigen Raum spielten Importeure wie [[Sandy Electronic]] eine Rolle. | Der Vertrieb erfolgte international über verschiedene Importeure. In Europa übernahmen spezialisierte Elektronik- und Schachcomputerhändler den Vertrieb. Für den deutschsprachigen Raum spielten Importeure wie [[Sandy Electronic]] eine Rolle. | ||
== Namensgebung == | |||
Die Bezeichnung „Boris“ wurde allgemein als Anspielung auf den damaligen Schachweltmeister Boris Spasski verstanden, der in den 1970er Jahren weltweite Bekanntheit besaß. Eine offizielle Bestätigung des Herstellers existierte hierzu zwar nicht, doch entsprach diese Praxis dem damaligen Marketing vieler Schachcomputeranbieter. | Die Bezeichnung „Boris“ wurde allgemein als Anspielung auf den damaligen Schachweltmeister Boris Spasski verstanden, der in den 1970er Jahren weltweite Bekanntheit besaß. Eine offizielle Bestätigung des Herstellers existierte hierzu zwar nicht, doch entsprach diese Praxis dem damaligen Marketing vieler Schachcomputeranbieter. | ||
== Entwicklung und Programm == | |||
Das Schachprogramm stammte von '''David Lindsay''', der mehrere Programme für Applied Concepts entwickelte. Seine Programme waren auf die begrenzten Ressourcen früher Mikroprozessoren zugeschnitten und zeichneten sich durch effiziente Suchalgorithmen aus. | Das Schachprogramm stammte von '''David Lindsay''', der mehrere Programme für Applied Concepts entwickelte. Seine Programme waren auf die begrenzten Ressourcen früher Mikroprozessoren zugeschnitten und zeichneten sich durch effiziente Suchalgorithmen aus. | ||
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Das Programm arbeitete mit selektiver Tiefensuche und einfacher Stellungsbewertung. Es berücksichtigte Materialwerte, elementare Positionsmerkmale sowie Mattdrohungen. Für die damalige Zeit stellte dies eine ausgereifte Programmierung dar, auch wenn die Rechentiefe aus heutiger Sicht gering war. | Das Programm arbeitete mit selektiver Tiefensuche und einfacher Stellungsbewertung. Es berücksichtigte Materialwerte, elementare Positionsmerkmale sowie Mattdrohungen. Für die damalige Zeit stellte dies eine ausgereifte Programmierung dar, auch wenn die Rechentiefe aus heutiger Sicht gering war. | ||
== Technik == | |||
Der Boris Diplomat arbeitete mit einem 8-Bit-Mikroprozessor der Fairchild-F8-Familie mit etwa 1 MHz Taktfrequenz. Die Hardware war auf minimalen Energieverbrauch und kompakte Bauweise ausgelegt. | Der Boris Diplomat arbeitete mit einem 8-Bit-Mikroprozessor der Fairchild-F8-Familie mit etwa 1 MHz Taktfrequenz. Die Hardware war auf minimalen Energieverbrauch und kompakte Bauweise ausgelegt. | ||
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Die Positionskontrolle erfolgte zeilenweise über das Display, ein Verfahren, das zwar platzsparend war, aber als umständlich galt. | Die Positionskontrolle erfolgte zeilenweise über das Display, ein Verfahren, das zwar platzsparend war, aber als umständlich galt. | ||
== Bedienung == | |||
Der Boris Diplomat besaß ein integriertes Steckschachbrett (Pegboard). Die Figuren wurden manuell gesetzt; das Brett selbst registrierte keine Züge elektronisch. Die Zugeingabe erfolgte über eine Tastatur. Die Ausgabe der Computerzüge wurde über eine LED-Anzeige dargestellt. | Der Boris Diplomat besaß ein integriertes Steckschachbrett (Pegboard). Die Figuren wurden manuell gesetzt; das Brett selbst registrierte keine Züge elektronisch. Die Zugeingabe erfolgte über eine Tastatur. Die Ausgabe der Computerzüge wurde über eine LED-Anzeige dargestellt. | ||
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Zu den weiteren Merkmalen des nur etwa 20 × 17,5 × 4,5 cm großen und einschließlich Batterien rund 550 g schweren Geräts – ohne Netzteil – zählten seine kompakten Abmessungen, das geringe Gewicht und das integrierte Steckschachbrett, wodurch es sich besonders als Reiseschachcomputer eignete. Darüber hinaus erlaubte das Gerät die Veränderung der Spielstärke während der laufenden Partie, beherrschte die Sonderzüge Rochade, en passant und Bauernumwandlung und konnte Mattaufgaben in bis zu drei Zügen lösen. | Zu den weiteren Merkmalen des nur etwa 20 × 17,5 × 4,5 cm großen und einschließlich Batterien rund 550 g schweren Geräts – ohne Netzteil – zählten seine kompakten Abmessungen, das geringe Gewicht und das integrierte Steckschachbrett, wodurch es sich besonders als Reiseschachcomputer eignete. Darüber hinaus erlaubte das Gerät die Veränderung der Spielstärke während der laufenden Partie, beherrschte die Sonderzüge Rochade, en passant und Bauernumwandlung und konnte Mattaufgaben in bis zu drei Zügen lösen. | ||
=== Einige Eigenschaften === | |||
* Lösung von Matt in 2 | * Lösung von Matt in 2 | ||
* Zufallsgenerator | * Zufallsgenerator | ||
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* keine Unterverwandlung möglich | * keine Unterverwandlung möglich | ||
== Spielprogramm und Spielstil == | |||
Das Programm des Boris Diplomat entsprach dem damaligen Stand der Mikrocomputer-Schachprogramme. Es arbeitete mit selektiver Suche und einfacher Bewertungsfunktion. Die Suchtiefe lag typischerweise im Bereich weniger Halbzüge. | Das Programm des Boris Diplomat entsprach dem damaligen Stand der Mikrocomputer-Schachprogramme. Es arbeitete mit selektiver Suche und einfacher Bewertungsfunktion. Die Suchtiefe lag typischerweise im Bereich weniger Halbzüge. | ||
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* teils zögerliche Rochade | * teils zögerliche Rochade | ||
== Spielstufen == | |||
Ebenso wie sein großer Bruder [[Chafitz Boris|Boris]] verfügte der Boris Diplomat über Spielstufen mit Antwortzeiten zwischen einer Sekunde und bis zu 100 Stunden. Er spielte wahlweise mit den weißen oder schwarzen Steinen und konnte bei Bedarf auch Partien gegen sich selbst austragen. | Ebenso wie sein großer Bruder [[Chafitz Boris|Boris]] verfügte der Boris Diplomat über Spielstufen mit Antwortzeiten zwischen einer Sekunde und bis zu 100 Stunden. Er spielte wahlweise mit den weißen oder schwarzen Steinen und konnte bei Bedarf auch Partien gegen sich selbst austragen. | ||
== Spielstärke == | |||
Die Spielstärke belief sich auf etwa '''1200 Elo'''. Damit bewegte sich der Boris Diplomat im Bereich eines ambitionierten Anfängers. | Die Spielstärke belief sich auf etwa '''1200 Elo'''. Damit bewegte sich der Boris Diplomat im Bereich eines ambitionierten Anfängers. | ||
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Für viele Nutzer stand weniger die absolute Spielstärke als vielmehr die Möglichkeit im Vordergrund, jederzeit einen verfügbaren Gegner zu haben. In dieser Hinsicht erfüllte das Gerät seinen Zweck sehr erfolgreich. | Für viele Nutzer stand weniger die absolute Spielstärke als vielmehr die Möglichkeit im Vordergrund, jederzeit einen verfügbaren Gegner zu haben. In dieser Hinsicht erfüllte das Gerät seinen Zweck sehr erfolgreich. | ||
== Bedienung == | |||
Die Bedienung galt als wenig komfortabel. Besonders die Stellungseingabe war fehleranfällig. Im Gegensatz zu vielen Konkurrenzgeräten gab der Boris Diplomat keinen Signalton nach abgeschlossener Zugberechnung aus. Während der Berechnung zeigte er jedoch seinen aktuell bevorzugten Zug sowie einen Countdown der verbleibenden Zeit an. | Die Bedienung galt als wenig komfortabel. Besonders die Stellungseingabe war fehleranfällig. Im Gegensatz zu vielen Konkurrenzgeräten gab der Boris Diplomat keinen Signalton nach abgeschlossener Zugberechnung aus. Während der Berechnung zeigte er jedoch seinen aktuell bevorzugten Zug sowie einen Countdown der verbleibenden Zeit an. | ||
== Varianten == | |||
=== Boris Diplomat (I) === | === Boris Diplomat (I) === | ||
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</gallery> | </gallery> | ||
== Marktstellung == | |||
Der Boris Diplomat konkurrierte mit Geräten von [[Fidelity]], [[SciSys]] und [[Novag]]. Seine besondere Stärke lag in der Kombination aus Tragbarkeit, akzeptabler Spielstärke und vergleichsweise einfacher Bedienung. | Der Boris Diplomat konkurrierte mit Geräten von [[Fidelity]], [[SciSys]] und [[Novag]]. Seine besondere Stärke lag in der Kombination aus Tragbarkeit, akzeptabler Spielstärke und vergleichsweise einfacher Bedienung. | ||
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Er gehörte zu den Geräten, die das Bild des "[[Reiseschachcomputer|Reiseschachcomputers]]" prägten. Für viele Schachfreunde stellte er den ersten Kontakt mit einem elektronischen Schachpartner dar. | Er gehörte zu den Geräten, die das Bild des "[[Reiseschachcomputer|Reiseschachcomputers]]" prägten. Für viele Schachfreunde stellte er den ersten Kontakt mit einem elektronischen Schachpartner dar. | ||
== Bedeutung aus heutiger Sicht == | |||
Rückblickend galt der Boris Diplomat als typischer Vertreter der zweiten Generation dedizierter Schachcomputer. Er zeigte, wie Entwickler mit sehr begrenzten Speicher- und Rechenressourcen spielbare Schachprogramme realisierten. | Rückblickend galt der Boris Diplomat als typischer Vertreter der zweiten Generation dedizierter Schachcomputer. Er zeigte, wie Entwickler mit sehr begrenzten Speicher- und Rechenressourcen spielbare Schachprogramme realisierten. | ||
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Heute ist das Gerät vor allem für Sammler historischer Schachcomputer von Interesse. Gut erhaltene Exemplare galten als gesuchte Sammlerstücke, insbesondere frühe Versionen mit Originalverpackung. | Heute ist das Gerät vor allem für Sammler historischer Schachcomputer von Interesse. Gut erhaltene Exemplare galten als gesuchte Sammlerstücke, insbesondere frühe Versionen mit Originalverpackung. | ||
== Siehe auch == | |||
* [[Boris]] | * [[Boris]] | ||
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[BlackElo "985"] | [BlackElo "985"] | ||
[PlyCount "97"] | [PlyCount "97"] | ||
[SourceDate "2010.01.01"] | [SourceDate "2010.01.01"] | ||
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[BlackElo "1267"] | [BlackElo "1267"] | ||
[PlyCount "117"] | [PlyCount "117"] | ||
1. e4 d5 2. Nc3 dxe4 3. Bb5+ c6 4. Bc4 b5 5. Bb3 e5 6. d3 exd3 7. Qxd3 b4 8. | 1. e4 d5 2. Nc3 dxe4 3. Bb5+ c6 4. Bc4 b5 5. Bb3 e5 6. d3 exd3 7. Qxd3 b4 8. | ||