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Boris Diplomat

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Boris diplomat (Blaues Gehäuse)
Stammdaten
Einführung:
1979 (Diplomat I - Blaue Version) / 1980 (Diplomat II - Braune Version)
1267
Neupreis:
~99$ (365 DM)
Technik
1 MHz
RAM / ROM:
256 Byte / 2.5 KB
nicht vorhanden


Ausstattung
Stufen:
Zeitvorgabe von 1 sec .. 100 h
8-stellige 16-Segment LED Anzeige
Tastatur
Display
Maße:
20 x 17,5 x 4,5 cm
Batterien (6 AA) / 9V= (Minus innen)
Mattführung mit 2 Türmen (nicht mit der Dame)

Der Boris Diplomat war ein tragbarer Schachcomputer des US-amerikanischen Herstellers Applied Concepts, der 1979 auf den Markt kam. Er gehörte zur „Boris“-Produktlinie, die zu den frühesten kommerziell erfolgreichen Schachcomputerserien zählte. Der Boris Diplomat war der erste Schachcomputer der Welt, der nicht nur am Stromnetz betrieben werden konnte, sondern primär für den Batterie- und Akkubetrieb konzipiert wurde. Mit sechs Batterien des Typs "AA" ließ sich eine netzunabhängige Einsatzdauer von ca. 9 Stunden erzielen, verband kompakte Bauweise mit für die Zeit ordentlicher Spielstärke auf Hobby-Niveau und richtete sich an Schachspieler, die auch unterwegs gegen einen elektronischen Gegner spielen wollten.

Historischer Hintergrund

ie späten 1970er und frühen 1980er Jahre waren eine Pionierzeit des Computerschachs. Mikroprozessoren wurden erstmals leistungsfähig und günstig genug, um in Konsumgütern eingesetzt zu werden. Firmen wie Fidelity Electronics, SciSys, Novag und Applied Concepts konkurrierten in einem schnell wachsenden Markt um die Gunst schachinteressierter Käufer. Applied Concepts hatte sich bereits mit früheren „Boris“-Modellen am Markt etabliert.

Der Boris Diplomat wurde im Juni 1979 vorgestellt. Er stellte eine konsequente Weiterentwicklung des ursprünglichen Boris-Konzepts dar, wobei besonderer Wert auf Portabilität gelegt wurde. Während viele frühe Schachcomputer als Tischgeräte konzipiert waren, zielte der Diplomat ausdrücklich auf den mobilen Einsatz.

Der Vertrieb erfolgte international über verschiedene Importeure. In Europa übernahmen spezialisierte Elektronik- und Schachcomputerhändler den Vertrieb. Für den deutschsprachigen Raum spielten Importeure wie Sandy Electronic eine Rolle.

Namensgebung

Die Bezeichnung „Boris“ wurde allgemein als Anspielung auf den damaligen Schachweltmeister Boris Spasski verstanden, der in den 1970er Jahren weltweite Bekanntheit besaß. Eine offizielle Bestätigung des Herstellers existierte hierzu zwar nicht, doch entsprach diese Praxis dem damaligen Marketing vieler Schachcomputeranbieter.

Entwicklung und Programm

Das Schachprogramm stammte von David Lindsay, der mehrere Programme für Applied Concepts entwickelte. Seine Programme waren auf die begrenzten Ressourcen früher Mikroprozessoren zugeschnitten und zeichneten sich durch effiziente Suchalgorithmen aus.

Das Programm arbeitete mit selektiver Tiefensuche und einfacher Stellungsbewertung. Es berücksichtigte Materialwerte, elementare Positionsmerkmale sowie Mattdrohungen. Für die damalige Zeit stellte dies eine ausgereifte Programmierung dar, auch wenn die Rechentiefe aus heutiger Sicht gering war.

Technik

Der Boris Diplomat arbeitete mit einem 8-Bit-Mikroprozessor der Fairchild-F8-Familie mit etwa 1 MHz Taktfrequenz. Die Hardware war auf minimalen Energieverbrauch und kompakte Bauweise ausgelegt.

Der Boris Diplomat verfügte über:

  • ein kleines Steckbrett (Peg-in-Board) mit Kunststoffabdeckung
  • ein achtstelliges LED-Display zur Zuganzeige
  • Tasten zur Eingabe von Zügen und Funktionen
  • Netz- und Batteriebetrieb

Typisch für viele Geräte dieser Zeit war die vergleichsweise einfache Benutzerschnittstelle. Das LED-Display galt als schwer ablesbar und die Eingabe von Stellungen erforderte einige Übung.

Eine Besonderheit des Boris Diplomat war das Fehlen klassischer Spielstufen. Stattdessen wurde die Bedenkzeit pro Zug in Stunden, Minuten und Sekunden eingestellt. Der Computer nutzte diese Zeit in der Regel vollständig aus. Dieses Konzept war theoretisch flexibel, erwies sich in der Praxis jedoch als unkomfortabel. In einfachen Stellungen rechnete das Gerät oft unnötig lange, während es in komplizierten Positionen nicht immer ausreichend tief analysierte.

Die Positionskontrolle erfolgte zeilenweise über das Display, ein Verfahren, das zwar platzsparend war, aber als umständlich galt.

Bedienung

Der Boris Diplomat besaß ein integriertes Steckschachbrett (Pegboard). Die Figuren wurden manuell gesetzt; das Brett selbst registrierte keine Züge elektronisch. Die Zugeingabe erfolgte über eine Tastatur. Die Ausgabe der Computerzüge wurde über eine LED-Anzeige dargestellt.

Die Anzeige zeigte Start- und Zielfeld eines Zuges in alphanumerischer Form. Zusätzlich signalisierten Leuchtanzeigen den Rechenstatus.

Der Computer beherrschte alle regulären Schachregeln, darunter:

  • Rochade
  • En-passant-Schlagen
  • Bauernumwandlung
  • Matt- und Patt-Erkennung

Der Boris Diplomat konnte jede Stellung eingehend analysieren und die sich daraus ergebenden Varianten bis zu einer Tiefe von acht Halbzügen (je vier Züge für Weiß und Schwarz) berechnen. Fand das Gerät vor Ablauf der vorgesehenen Bedenkzeit einen Zug, der zu einem Mattangriff führte, brach es die Berechnung vorzeitig ab und zeigte diesen Zug in symbolischer Notation auf dem achtstelligen LED-Display an. Die verwendeten Symbole waren etwas kleiner als beim Modell Boris. Dem menschlichen Gegenspieler gewährte der Boris Diplomat Einblick in seine Spielweise, indem er nicht nur den schließlich gewählten Zug, sondern auch zuvor erwogene, jedoch verworfene Zugmöglichkeiten anzeigte.

Die Eingabe spezieller Schachstellungen sowie die Rücknahme eines irrtümlich ausgeführten Zuges ließen sich beim Boris Diplomat ebenso einfach durchführen wie bei seinem verwandten Modell Boris. Durch Betätigen der Taste „Rang“ wurde jeweils eine vollständige Brettreihe mit den darauf befindlichen Figuren in vereinfachter Symbolform dargestellt. Diese Symbolik war zwar weniger markant als beim Boris, konnte jedoch innerhalb kurzer Zeit erlernt werden.

Die Auswahl des Feldes, von dem eine Figur entfernt werden sollte, erfolgte durch wiederholtes Betätigen der Taste „–“. Mit jedem Tastendruck wanderte ein Markierungsstrich auf der LED-Anzeige feldweise von der A-Linie in Richtung H-Linie. Sobald sich die Markierung auf dem gewünschten Feld befand, wurde die Taste „0“ gedrückt, woraufhin die entsprechende Figur gelöscht wurde. Durch Betätigen der Taste „CE“ konnten alle auf einer Reihe befindlichen Figuren gleichzeitig entfernt werden.

Auch das Einrichten spezieller Schachstellungen war auf vergleichsweise einfache Weise möglich. Nach dem Löschen der Figuren von ihren Ausgangsfeldern wurden durch wiederholtes Drücken der Tasten „RANK“ und „–“ die gewünschten Brettreihen und Felder angewählt. Anschließend wurden über die entsprechenden Symboltasten (A•1 bis F•6) die benötigten Figuren auf die Zielquadrate gesetzt. Eine Abbildung der Eingabetastatur des Boris Diplomat veranschaulichte diese Bedienung.

Zu den weiteren Merkmalen des nur etwa 20 × 17,5 × 4,5 cm großen und einschließlich Batterien rund 550 g schweren Geräts – ohne Netzteil – zählten seine kompakten Abmessungen, das geringe Gewicht und das integrierte Steckschachbrett, wodurch es sich besonders als Reiseschachcomputer eignete. Darüber hinaus erlaubte das Gerät die Veränderung der Spielstärke während der laufenden Partie, beherrschte die Sonderzüge Rochade, en passant und Bauernumwandlung und konnte Mattaufgaben in bis zu drei Zügen lösen.

Einige Eigenschaften

  • Lösung von Matt in 2
  • Zufallsgenerator
  • Zugzürucknahme: 1 Halbzug
  • keine Unterverwandlung möglich

Spielprogramm und Spielstil

Das Programm des Boris Diplomat entsprach dem damaligen Stand der Mikrocomputer-Schachprogramme. Es arbeitete mit selektiver Suche und einfacher Bewertungsfunktion. Die Suchtiefe lag typischerweise im Bereich weniger Halbzüge.

Spielstil:

  • häufig direkt und angriffsfreudig
  • gelegentlich unorthodox in der Eröffnungswahl
  • anfällig für positionelle Fehleinschätzungen

Der Boris Diplomat bevorzugte unter anderem die Skandinavische Verteidigung (1.e4 d5) und eröffnete mit Weiß nicht selten mit 1.e3. Seine Partien konnten überraschend verlaufen. Neben schwachen Zügen fand das Programm mitunter energische taktische Fortsetzungen.

Zu kritisieren war insbesondere:

  • begrenztes positionelles Verständnis
  • geringe Eröffnungskenntnisse
  • teils zögerliche Rochade

Spielstufen

Ebenso wie sein großer Bruder Boris verfügte der Boris Diplomat über Spielstufen mit Antwortzeiten zwischen einer Sekunde und bis zu 100 Stunden. Er spielte wahlweise mit den weißen oder schwarzen Steinen und konnte bei Bedarf auch Partien gegen sich selbst austragen.

Spielstärke

Die Spielstärke belief sich auf etwa 1200 Elo. Damit bewegte sich der Boris Diplomat im Bereich eines ambitionierten Anfängers.

Für viele Nutzer stand weniger die absolute Spielstärke als vielmehr die Möglichkeit im Vordergrund, jederzeit einen verfügbaren Gegner zu haben. In dieser Hinsicht erfüllte das Gerät seinen Zweck sehr erfolgreich.

Bedienung

Die Bedienung galt als wenig komfortabel. Besonders die Stellungseingabe war fehleranfällig. Im Gegensatz zu vielen Konkurrenzgeräten gab der Boris Diplomat keinen Signalton nach abgeschlossener Zugberechnung aus. Während der Berechnung zeigte er jedoch seinen aktuell bevorzugten Zug sowie einen Countdown der verbleibenden Zeit an.

Varianten

Boris Diplomat (I)

Die erste Version erschien im Juni 1979 und besaß ein blaues Gehäuse. Sie ist die verbreitetste Ausführung.

Boris Diplomat II (Boris Diplomat "80")

Eine überarbeitete Version (Boris Diplomat "80") erschien kurz darauf im Juni 1980 (USA - September 1980 in Deutschland zu einem Preis von 198 DM, Netzteil 19,90 DM). Sie unterschied sich vor allem äußerlich (unter anderem durch eine braune Gehäusefarbe, eine vergrößerte Anzeige und verbesserte Elektronik), während das Grundprogramm weitgehend identisch blieb.

Marktstellung

Der Boris Diplomat konkurrierte mit Geräten von Fidelity, SciSys und Novag. Seine besondere Stärke lag in der Kombination aus Tragbarkeit, akzeptabler Spielstärke und vergleichsweise einfacher Bedienung.

Er gehörte zu den Geräten, die das Bild des "Reiseschachcomputers" prägten. Für viele Schachfreunde stellte er den ersten Kontakt mit einem elektronischen Schachpartner dar.

Bedeutung aus heutiger Sicht

Rückblickend galt der Boris Diplomat als typischer Vertreter der zweiten Generation dedizierter Schachcomputer. Er zeigte, wie Entwickler mit sehr begrenzten Speicher- und Rechenressourcen spielbare Schachprogramme realisierten.

Heute ist das Gerät vor allem für Sammler historischer Schachcomputer von Interesse. Gut erhaltene Exemplare galten als gesuchte Sammlerstücke, insbesondere frühe Versionen mit Originalverpackung.

Siehe auch

Partiebeispiele

Interaktive Partieanalyse

Weblinks

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