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Novag

aus Schachcomputer.info Wiki, der freien Schachcomputer-Wissensdatenbank
Novag Industries Ltd.
Gründung 1978
Auflösung 2009
Sitz Hongkong,
Vereinigtes Königreich (bis 1997)

Novag Industries Ltd. (kurz Novag) war einer der weltweit führenden Hersteller von dedizierten Schachcomputern mit Sitz in Hongkong. Das Unternehmen wurde 1978 von Peter Auge gegründet und spielte eine zentrale Rolle in der Geschichte des elektronischen Schachs, insbesondere durch technische Innovationen und die langjährige Zusammenarbeit mit dem Programmierer David Kittinger.

Geschichte

Ursprung und Gründung in Hongkong

Die Wurzeln von Novag liegen in der deutschen Spielwarenindustrie. Die Gründerfamilie Auge stammte aus Nürnberg. Peter Auge wanderte zunächst nach Montreal (Kanada) aus, um ein Spielzeug-Vertriebsunternehmen zu gründen, bevor er 1964 nach Hongkong zog. Zu dieser Zeit entwickelte sich Hongkong zum weltweiten Zentrum der Spielzeug- und später der Elektronikindustrie.

Anfang 1978 entschied sich Peter Auge, in den aufstrebenden Markt für Schachcomputer einzusteigen. Er wandte sich an den in Hongkong ansässigen Schweizer Physiker und Elektronikexperten Eric Winkler mit der Aufforderung: „Eric, bau mir einen Schachcomputer.“ Während Winkler die technische Hardware entwickelte, kümmerte sich Auge um Design, Verpackung und Vertrieb.

Die Zusammenarbeit mit Eric Winkler (1978–1979)

Auge und Winkler operierten zunächst als Partner. Ihr erstes Modell, der Chess Champion MK I, erschien im September 1978 und wurde mit 180.000 verkauften Einheiten ein enormer kommerzieller Erfolg. In den USA wurde das Gerät unter dem Namen JS&A Chess Computer vertrieben und massiv beworben, unter anderem mit der Werbeunterstützung des damaligen Schachweltmeisters Anatoli Karpow.

Trotz des Erfolgs kam es Ende 1979 zum Bruch zwischen Auge und Winkler. Als Gründe werden sowohl persönliche Differenzen als auch der rechtliche Druck durch Plagiatsvorwürfe vermutet. Winkler gründete daraufhin das Konkurrenzunternehmen SciSys (später Saitek), während Auge Novag allein weiterführte. In einer Übergangsphase wurden Geräte wie der Chess Champion Super System MK III und der Chess Partner 2000 unter beiden Markennamen vertrieben.

Der Urheberrechtsstreit (Data Cash Systems vs. JS&A)

Der Erfolg des Chess Champion MK I wurde von einem wegweisenden Rechtsstreit überschattet. Es stellte sich heraus, dass das Programm des MK I eine identische Kopie des ROMs des CompuChess-Computers der Firma Data Cash Systems (1977) war. Data Cash Systems verklagte den US-Vertrieb JS&A wegen Urheberrechtsverletzung. Die Klage scheiterte jedoch in erster Instanz, da das damalige US-Urheberrecht zwar Quellcodes auf Papier, nicht aber die in Chips (ROMs) gespeicherten Objektcodes schützte. Dieser Fall trug maßgeblich zur späteren Anpassung der Software-Urheberrechtsgesetze bei.

Um künftige rechtliche Probleme zu vermeiden, legte Novag beim Nachfolgemodell MK II Wert darauf, den Programmierer (Peter Jennings, bekannt für das Programm Microchess) explizit auf der Verpackung zu nennen.

Die Ära David Kittinger und technische Innovationen

Ab 1981 schlug Novag einen eigenständigen Weg ein und verpflichtete den US-Programmierer David Kittinger. Kittingers Programme prägten das Gesicht von Novag für die nächsten 25 Jahre.

In dieser Zeit setzte Novag auf riskante Innovationen, um sich von der Konkurrenz (insbesondere SciSys/Saitek und Fidelity) abzuheben:

  • Novag Savant (1981): Einer der ersten Computer mit einem LCD-Schachbrett und Touchscreen-Technologie.
  • Robot Adversary (1982): Ein legendärer, mechanisch hochkomplexer Computer mit einem Roboterarm, der die Figuren physisch bewegte.
  • Super Constellation (1984): Dieses Modell gilt als Meilenstein. Trotz begrenzter Hardware-Leistung besaß es einen für damalige Verhältnisse extrem aggressiven und "menschlichen" Spielstil, der es zu einem der beliebtesten Geräte der Geschichte machte.

Das Programm hatte wie fast alle damaligen 8-Bit Computer eine 6502 CPU, die mit mit 3,6 MHz getaktet war. Die Programmgröße betrug 56 K und der Computer konnte auf eine 20.000 Halbzüge umfassende Eröffnungsbibliothek zurückgreifen, was seinerzeit rekordverdächtig war. Darüber hinaus bot dieses Gerät erstmals die Möglichkeit einer vom Benutzer zu programmierenden Eröffnungsbibliothek von ca. 2000 Halbzügen, ein Ausstattungsmerkmal, dass sich bis in die heutige Zeit bei den NOVAG-Geräten erhalten hat. Weitere Highlights waren die Anschlussmöglichkeit eines Druckers, sowie einer Schachuhr . Der Computer kostete damals ca. 800 DM und war auch in sehr eleganter Holzausführung als Constellation Expert erhältlich.

Zwar konnte der "Super Conny", wie er von seinen Anhängern liebevoll genannt wurde, sich auf den damaligen Computerveranstaltungen nicht gegen die 16-Bit Konkurrenz der Mephistos entscheidend durchsetzen, aber es konnten vielfach Achtungserfolge und spektakuläre Siege (auch gegen starke menschliche Gegner) errungen werden. In der Fachwelt sprach man von Kittingers berühmten PSH-Algorithmen (scherzhaft von Dirk Frickenschmidt mit passt sicher halbwegs übersetzt), die das Programm häufig "intuitive" Züge und Figurenopfer spielen ließen. Und genau das ist es, was es auch heute noch so reizvoll macht gegen die "Kiste" zu spielen, zumal man als Amateurschachspieler hier gelegentlich ganz gut aussieht, weil sich der Super Constellation halt doch verrechnet.

NOVAG brachte 1985 den Nachfolger, den Forte heraus, der ein Jahr später in einer überarbeiteten Version B erschien. Diese Geräte besaßen erstmals ein Display zur Anzeige von Spielinformationen. Die Spielstärke war geringfügig höher als die des Super Constellation, was aber wohl ueberwiegend der auf 5 MHz erhöhten Taktfrequenz zuzuschreiben war. Programmtechnisch begann Kittinger mehr und mehr positionelle Kriterien einzubauen, was dem spektakulären Spielstil, wie man ihn bis dato gewohnt war, leider nicht unbedingt zu Gute kam.

Diese Tendenz setzte sich zunächst auch mit dem Super Forte A fort, der im Jahre 1987 erschienen ist. Die B-Version von 1989 war dagegen taktisch ein Monster, hatte aber in positioneller Hinsicht einige Schwachpunkte. Eine neue Meisterleistung Kittingers sollte aber der Super Forte in der C-Version (1990) werden, besonders in der 6 MHz Ausführung. Kittinger schaffte es fast, die für 8-Bitter magische Grenze von 2000 Elo Punkten in der SSDF-Liste zu knacken, geführt wurde das Gerät mit 1960 Elo. Aus Sicht vieler User war und ist es das stärkste 8-Bit Gerät aller Zeiten.

Was war nun das Besondere am C-Programm Kittingers? Nun, der Amerikaner führte neben grundsätzlichen programmtechnischen Verbesserungen, sogenannte Selective Search Funktionen ein, die es dem Super Forte ermöglichen, je nach Einstellung, bestimmte Stellungen in den Spitzen effektiv und vor allem tiefer zu untersuchen. Das Programm erlaubte die Einstellung von 8 verschiedenen Selective Search Stufen, als spielstärkste Einstellung hat sich Sel 5 herauskristallisierte.

Der Super Expert C war taktisch sowie positionell gleichermaßen stark und auch spektakuläre PSH-Züge tauchten wieder auf, man fühlte sich in selige Super Conny-Zeiten (auf höherem Niveau!) zurückversetzt. Ausstattungsmäßig hatte sich gegenüber der Forte-Generation u. a. das Display zum Positiven geändert, es zeigte jetzt die verbrauchte Zeit beider Seiten an und war auch deutlich besser zu lesen. Darüber hinaus wurde erstmals eine PC-Schnittstelle über eine sogenannte Distributor-Box angeboten. Die Eröffnungsbibliothek war inzwischen auf 32.000 Halbzüge angewachsen.

Auch Dave Kittinger musste irgendwann feststellen, dass es mit den 8-Bit Zeiten vorbei war und stieg 1990 mit dem Novag Scorpio 68000 bzw. dem aus namensrechtlichen Gründen dann umbenannten Diablo auf den Motorola 68000 Prozessor um. Die hohen Erwartungen konnten allerdings nicht vollständig erfüllt werden, immerhin gelang aber erstmals der Sprung über die 2000 Elo Grenze in der SSDF und optisch war das Gerät eine Augenweide.

Konkurrenz zu SciSys/Saitek

Während Winkler mit SciSys auf Massenmärkte und prestigeträchtige Partnerschaften setzte (z. B. die offizielle Unterstützung durch die FIDE und die Werbeikone Garri Kasparow ab 1983), konzentrierte sich Novag unter der Leitung von Peter Auge und später seiner Tochter Gabrielle Auge auf hochwertige Verarbeitung und ein ansprechendes Design. Besonders in Deutschland und Frankreich waren Novag-Geräte aufgrund ihrer Holzoptik (z. B. die Super Expert-Serie) sehr erfolgreich.

Niedergang und Verkauf

Mit der zunehmenenden Dominanz von PC-Schachprogrammen wie z.B. dem sehr populären Programms Fritz aus dem Hause ChessBase in den 1990er Jahren schrumpfte der Markt für spezialisierte Hardware. Novag wurde konservativer und konzentrierte sich auf Reiseschachcomputer (wie die Sapphire- und Star Diamond-Serien).

Im Jahr 2009 wurde Novag schließlich an das Unternehmen Solar Wide Industrial Ltd. verkauft. Das letzte Modell war der 2Robot, eine Reminiszenz an die Blütezeit der 1980er Jahre, der Ende 2008 auf den Markt kam. Damit endete die Ära der Familie Auge im Schachcomputermarkt und weiteres Kapitel Schachcomputergeschichte. Während Saitek (Winklers Erbe) später von Mad Catz übernommen wurde, verschwand die Marke Novag nach 2010 weitgehend vom Markt.

Schachcomputer

Werbeprospekte

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Novag Prospekt Novag Prospekt 1990


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