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VEB Mikroelektronik Erfurt

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VEB Mikroelektronik „Karl Marx“ Erfurt / RFT
Herstellerinformationen
Sitz:
Erfurt,
DDR (bis 1990)

Der VEB Mikroelektronik „Karl Marx“ Erfurt war ein volkseigener Betrieb (VEB) der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) mit Sitz in Erfurt (Thüringen). Er fungierte als Stammbetrieb des VEB Kombinat Mikroelektronik Erfurt und war ein zentraler Hersteller mikroelektronischer Bauelemente sowie elektronischer Geräte. Neben Halbleitern und Baugruppen wurden im Betrieb auch komplette elektronische Systeme entwickelt, darunter in den 1980er Jahren Schachcomputer, die teilweise unter dem Warenzeichen RFT vertrieben wurden.

Geschichte

Ursprung und Entwicklung

Die Ursprünge des Betriebs gehen auf das 1937 gegründete Telefunken-Werk Erfurt zurück. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Standort als VEB Funkwerk Erfurt weitergeführt und schrittweise zu einem bedeutenden Elektronikstandort ausgebaut. In den 1960er und 1970er Jahren verlagerte sich der Schwerpunkt zunehmend auf die Entwicklung und Fertigung mikroelektronischer Bauelemente.

1978 wurde das VEB Kombinat Mikroelektronik Erfurt gegründet, dem der Erfurter Betrieb als Stammbetrieb angehörte. 1983 erhielt dieser die offizielle Bezeichnung VEB Mikroelektronik „Karl Marx“ Erfurt. Innerhalb des Kombinats nahm der Standort eine zentrale Rolle in der Bauelemente- und Geräteproduktion ein.

RFT-Warenzeichen

Das Warenzeichen RFT (Rundfunk- und Fernmelde-Technik) war in der DDR ein überbetriebliches Markenzeichen für elektronische Erzeugnisse. Es kennzeichnete keine einzelne Firma, sondern diente der einheitlichen Vermarktung von Geräten und Komponenten aus unterschiedlichen Betrieben der Elektronikindustrie.

Auch Produkte des VEB Mikroelektronik Erfurt wurden unter dem RFT-Label in den Handel gebracht. Entsprechend findet sich die Bezeichnung auf Geräten, Verpackungen und Begleitmaterialien, darunter auch auf den im Betrieb entwickelten Schachcomputern.

Produktion und Tätigkeitsfelder

Der VEB Mikroelektronik Erfurt deckte ein breites Spektrum elektronischer Produktion ab. Dazu gehörten:

  • integrierte Schaltkreise und Mikroprozessoren
  • elektronische Baugruppen und Messgeräte
  • vollständige elektronische Geräte für Ausbildungs-, Industrie- und Konsumanwendungen

Neben der Halbleiterfertigung wurden innerhalb des Betriebs auch eigenständige Geräteprojekte realisiert, bei denen die im Kombinat entwickelten Bauelemente direkt eingesetzt wurden.

Entwicklung von Schachcomputern

Die Schachcomputer des VEB Mikroelektronik Erfurt waren elektronische Schachspielgeräte, die in den 1980er Jahren im VEB Mikroelektronik „Karl Marx“ Erfurt entwickelt und gefertigt wurden. Sie waren Teil einer projektbezogenen Geräteentwicklung innerhalb des Kombinats und dienten sowohl dem inländischen Markt als auch, mit besonderem Schwerpunkt, dem Export in westliche Länder zur Devisenbeschaffung.

Historischer Kontext

Mit der zunehmenden Verfügbarkeit eigener Mikroprozessoren wurde geprüft, inwieweit diese für technisch anspruchsvolle Konsumgeräte eingesetzt werden konnten. Schachcomputer galten als geeignetes Produkt, da sie internationale Nachfrage mit vergleichsweise überschaubarem Hardwareaufwand verbanden.

Entwicklungsziele und Exportstrategie

Die exportorientierte Ausrichtung beeinflusste sowohl die technische als auch die gestalterische Ausführung. Besonderer Wert wurde auf anspruchsvolle Gehäuse, hochwertige Materialien und eine marktgerechte Präsentation gelegt. Verpackung und Bedienungsanleitung des Chess-Master Diamond wurden von einem Designer entworfen, der über Erfahrungen auf westlichen Märkten verfügte.

Die Modelle Chess-Master (ab August 1983 im der DDR - ab Frühjahr 1984 im Export) und Chess-Master Diamond (ab 1987) wurden sowohl im Inland als auch im westlichen Ausland vertrieben. Für den Export erfolgte der Vertrieb jedoch nicht unter dem DDR-Betriebsnamen "RFT", sondern über die Firma Radiophon GmbH, ohne einen direkten Hinweis auf die Herkunft aus der DDR.

Der Chess-Master Diamond wurde in der Bundesrepublik Deutschland zu einem Verkaufspreis von 589 DM angeboten. Die Herstellungskosten der Geräte lagen deutlich höher. So beliefen sich die Produktionskosten eines Chess-Master auf über 1.000 Mark der DDR, während aus dem Exportverkauf lediglich ein vergleichsweise geringer Devisenerlös erzielt wurde.

Schachprogramme und Softwareherkunft

Die in den Erfurter Schachcomputern eingesetzten Programme verdeutlichen die im Kalten Krieg verbreitete Praxis des Software-Reverse-Engineerings. Anstatt vollständig neu entwickelter Programme kamen in mehreren Fällen Programme zum Einsatz, die auf westlichen Vorbildern basierten.

So nutzte der SC 1 ein Schachprogramm, das auf einer frühen Fidelity Chess Challenger Version, ein von Ron Nelson entwickeltes Programm für die Firma Fidelity Electronics. Die Identität gilt unter anderem durch das charakteristische „OOoo“-Blinkmuster im LED-Display während der Rechenphase als belegt.

Der SC 2 verwendete ein Programm, das auf dem des Fidelity CC 10c zurückzuführen ist. Und das Schachprogramm des Chess-Master wiederum basierte auf Sargon 2.5, einem von Dan und Kathe Spracklen entwickelten Programm.

Die Übernahme und Anpassung solcher Programme erfolgte ohne formelle Lizenzierung und spiegelt die damaligen technischen und politischen Rahmenbedingungen wider.

Bedeutung

Der VEB Mikroelektronik Erfurt war ein zentraler Bestandteil der mikroelektronischen Industrie der DDR. Die Entwicklung und Vermarktung von Schachcomputern verdeutlicht den Versuch, vorhandene technologische Kompetenzen auf komplexe elektronische Konsumgeräte anzuwenden und diese auch für den Export einzusetzen. Die verwendeten Schachprogramme dokumentieren zugleich den internationalen Technologietransfer unter den Bedingungen des Ost-West-Konflikts.

Auflösung

Im Zuge der politischen und wirtschaftlichen Umbrüche ab 1989/1990 wurde das Kombinat Mikroelektronik Erfurt aufgelöst. Der Betrieb in Erfurt wurde umstrukturiert, privatisiert oder stillgelegt; die Entwicklung und Fertigung von Schachcomputern endete in diesem Zusammenhang.

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