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RadioShack

aus Schachcomputer.info Wiki, der freien Schachcomputer-Wissensdatenbank
(Weitergeleitet von Radio Shack)
RadioShack Corporation
(früher Tandy Corporation)
Herstellerinformationen

Unternehmensgeschichte und Schachcomputer-Ära

Hintergrund: Die Unternehmen Tandy und RadioShack

Die Wurzeln von Tandy Corporation liegen in den 1910er Jahren als Anbieter für Lederwaren und Bastelartikel. Unter Leitung von Charles Tandy suchte das Unternehmen Anfang der 1960er nach Expansion im Hobby- und Elektronikbereich und übernahm 1962/63 die damals angeschlagene Elektronik-Einzelhandelskette RadioShack für 300.000 US-Dollar. Tandy stellte das Geschäftsmodell von Versandhandel auf spezialisierte Elektronik-Filialen um und setzte verstärkt auf Hausmarken statt Fremdmarken. Diese Strategie war erfolgreich und das Filialnetz wuchs rasant. RadioShack selbst war bereits 1921 in Boston von den Brüdern Deutschmann als Fachgeschäft für Amateurfunk (“radio shack”) gegründet worden. Nach der Übernahme durch Tandy entwickelte sich RadioShack zum bekannten Laden für Elektronik-Bausätze, Audiozubehör und technische Spielereien.

In den späten 1970ern stieg RadioShack in den Heimcomputermarkt ein: 1977 brachte Tandy/RadioShack mit dem TRS-80 einen der ersten fertig montierten Personal Computer für Endkunden heraus. Diese Modelle (später auch portable Computer wie der TRS-80 Model 100) trugen wesentlich zur Heimcomputer-Revolution bei. In den 1980ern expandierte Tandy/RadioShack international und betrieb Filialen in Europa und Australien teils unter dem Namen Tandy.

Ab den 1990er Jahren verlagerte RadioShack den Fokus jedoch zunehmend auf Mobiltelefone und Mainstream-Elektronik und zog sich aus dem Hobby- und DIY-Segment zurück. Das Unternehmen erreichte 1999 mit über 8.000 Filialen seinen Höhepunkt, geriet in den 2000ern aber in die Krise. Am 5. Februar 2015 meldete RadioShack Insolvenz nach Chapter 11 an. Im Rahmen eines Restrukturierungskonzepts wurden zwischen 1500 und 2400 US-Filialen an eine Tochtergesellschaft des New Yorker Hedgefonds Standard General verkauft. Mehr als 1700 dieser Filialen wurden anschließend in Lizenz vom Mobilfunkanbieter Sprint Corporation weiterbetrieben.

Einstieg in den Schachcomputer-Markt (1979–1983)

Mit dem Aufkommen elektronischer Schachcomputer Ende der 1970er erweiterte Tandy/RadioShack sein Sortiment um solche Geräte. 1980 erschien mit dem Tandy Computerized Chess (Katalog-Nr. 60-2160) einer der ersten Schachcomputer der Marke. Dieses tragbare 8-Level-Gerät mit Steckfiguren wurde vom britisch-hongkongischen Hersteller SciSys speziell für Tandy produziert. SciSys (Scientific Systems Ltd.) war ein 1979/80 gegründeter Spezialist für Schachcomputer, der gezielt Kooperationen mit weltweit agierenden Handelsketten suchte und einen Vertriebsdeal mit Tandy/RadioShack einging. Bereits 1981 hatte SciSys eine Reihe neuer Modelle auf den Markt gebracht, darunter auch sensorische Schachbretter und sogar ein Modell mit LCD-Touchscreen-Schachbrett, technologische Innovationen, die später Tandy/RadioShack zugutekamen.

1983 nahm RadioShack/Tandy die Schachcomputer fest in sein Katalogprogramm auf. In diesem Jahr wurde das verbesserte Tandy Computerized Chess (Version II) mit Drucksensor-Brett vorgestellt. Damit etablierte sich RadioShack als Massenanbieter für Schachcomputer in Nordamerika. In den folgenden Jahren erschien jedes Jahr mindestens ein neues Modell in den RadioShack-Katalogen. Die Geräte wurden teils unter der eigenen Marke angeboten, gelegentlich aber auch als OEM-Produkte anderer Hersteller in RadioShack-Filialen verkauft.

Wichtige Schachcomputer-Modelle und technische Besonderheiten

Die frühe Generation der Tandy/RadioShack-Schachcomputer umfasste kleinere Reise- und Tischgeräte für Einsteiger. Das genannte Modell Tandy Computerized Chess von 1980 bot 8 Schwierigkeitsstufen und arbeitete mit einem 4-MHz-Fairchild-8-Bit-Prozessor und 320 Bytes RAM. Züge wurden per Leuchtdiodenanzeige und Tasten eingegeben; ein Speicher für Eröffnungen war noch nicht vorhanden. Kurz darauf folgte das Tandy 8-Level Sensory Chess (1983) mit einem drucksensitiven Brett, auf dem Züge direkt durch Drücken der Figuren erkannt wurden. Dieses Prinzip eines Sensorbretts stammte von SciSys’ Modell “Sensor Chess” und machte die Bedienung erheblich benutzerfreundlicher.

Mitte der 1980er erweiterte RadioShack das Portfolio um stärkere Tisch-Schachcomputer für Fortgeschrittene. Typisch war die „Chess Champion“-Modellreihe, deren Zahl im Namen ungefähr die Spielstärke reflektierte. So erschien 1988 der RadioShack Chess Champion 2150 mit einem auf USCF-Elo 2150 geschätzten Spielniveau. Dieses Gerät besaß ein LCD-Anzeigebrett im Rand des Schachbretts, 64 Schwierigkeitsstufen und war bereits mit einem 32-Kilobyte-Schachprogramm ausgestattet. Es konnte z.B. Partien speichern, Zugvorschläge geben und diverse Trainingsmodi anbieten, Funktionen, die damals in Werbetexten hervorgehoben wurden („leistungsfähiges 32K-Programm mit 64 Spielstufen… Help Funktion zum Vorschlagen des nächsten Zugs, Auto-Play zum Zuschauen beim Spiel zweier Computer usw.“).

Auffällig war auch die persönliche Empfehlung von Garri Kasparow: Der damalige amtierende Schachweltmeister ließ ab 1985 im Zuge einer PR-Kooperation seinen Namen und Konterfei für SciSys/Saitek-Schachcomputer nutzen. Viele RadioShack-Modelle trugen daher stolz den Aufdruck „endorsed by World Chess Champion Garry Kasparov“, ein Marketingmerkmal, das die Attraktivität für Schachfreunde erhöhte.

In den frühen 1990ern folgten Weiterentwicklungen dieser Reihe, z.B. der Chess Champion 2150L (1992) mit einem neuen Hitachi H8-Prozessor. Dieses Modell behielt 64 Spiellevel und Kasparows Empfehlung bei, war aber dank effizienterer Fertigung günstiger zu produzieren. 1996 brachte RadioShack mit dem Champion 2250XL einen letzten High-End-Schachcomputer heraus, der etwa Elo 2250 USCF erreichte. Dieses Gerät verfügte über umfangreiche Trainingsfunktionen (u.a. 5 Lehr-Modi zum Üben einzelner Figuren, 8 vorinstallierte Studienstellungen) und sogar analytische Anzeigemodi für die Suche (Suchtiefe, Bewertungen, Knoten/sec). Technisch bemerkenswert ist, dass hier die Software vom renommierten Schachprogrammierer Frans Morsch (Autor des Fritz-Programms) stammte, ein Indiz dafür, dass Tandy/RadioShack selbst keine eigenen Engines entwickelte, sondern teilweise die am Markt verfügbaren Programme lizensierte.

Neben den Tischgeräten bediente RadioShack auch den Markt für kompakte Handheld-Schachcomputer. Beispielsweise wurde der Chess Computer 1450 als Taschen-Schachpartner angeboten, technisch identisch mit dem „Kasparov Pocket Chess“ von SciSys. Für Einsteiger gab es sprechende Lernschachcomputer wie den Talking Chess Tutor 1900L (1992), der mit Sprachausgabe und 25 Schwierigkeitsstufen Lektionen erteilte. Ebenfalls populär waren kombinierte Reisegeräte wie das Travel Chess & Checkers (erschienen 1999), das Schach und Dame beherrschte. Insgesamt deckte Tandy/RadioShack so ziemlich alle Segmente ab. Vom einfachen 8-Level-Schachspiel für Kinder bis hin zum semiprofessionellen 2250XL für anspruchsvolle Hobbyspieler.

Kooperationen und Lizenzierungen

Tandy/RadioShack war kein eigener Schachcomputer-Hersteller, sondern nutzte Kooperationen mit spezialisierten Produzenten. Hauptpartner war SciSys/Saitek, die viele Modelle im Auftrag fertigten. Saitek (neuer Name von SciSys ab 1987) **produzierte etliche Schachcomputer exklusiv für Tandy/RadioShack. So ist nahezu die gesamte „Chess Champion“ Serie eigentlich baugleich mit Saitek-Geräten unter anderem Namen – z.B. entspricht der RadioShack 2150 technisch dem Saitek Simultano und der 2150L dem Saitek Prisma (Programme von Julio Kaplan). Auch frühere Tandy-Geräte wurden von SciSys entwickelt, etwa das Tandy Computerized Chess von 1980 (SciSys „Traveller“ Reihe). Die enge Partnerschaft zeigt sich auch daran, dass SciSys zeitweise weltweite Marktanteile von 40–70 % außerhalb Deutschlands hielt, was ohne die Masse an über RadioShack vertriebenen Geräten kaum denkbar gewesen wäre.

Neben SciSys/Saitek arbeitete Tandy/RadioShack mit weiteren Herstellern zusammen, um Nischen abzudecken. So wurde das Modell “Sphinx Madrid 1300” (1993) von RadioShack in Wirklichkeit vom hongkong-chinesischen Hersteller CXG (Marke „Sphinx“) entwickelt. Ein anderes Beispiel ist der erwähnte Talking Chess Tutor 1900L, dessen Elektronik auf Fidelitys „Little Chesster“ Lernschachcomputer zurückgeht. Fidelity (USA) war ein Pionier der Schachcomputer, dessen Technologien in den 90ern von Excalibur weitergeführt wurden. Auch ein japanischer Hersteller (Gakken) steuerte ein Pocket-Modell bei, das RadioShack als 1100L verkaufte. Diese Lizenz- und Rebranding-Strategie erlaubte es RadioShack, schnell ein breites Sortiment anzubieten, ohne eigene Entwicklungskapazitäten aufbauen zu müssen. Für den Kunden traten die Geräte einheitlich unter der Marke RadioShack bzw. Tandy auf, oft mit dem Qualitätsversprechen eines Weltmeisters (Kasparov) auf der Packung.

Rolle von Tandy/RadioShack im Schachcomputer-Markt

In den 1980er Jahren zählten Tandy/RadioShack zu den wichtigsten Vertretern im Markt für Heim-Schachcomputer. Durch das dichte Filialnetz in den USA (und Tandy-Stores in Europa) konnten elektronische Schachcomputer einem Massenpublikum zugänglich gemacht werden, weit über den Kreis der Schachenthusiasten hinaus. Werbung von RadioShack titulierte die Firma in jener Zeit als „the biggest name in little computers“, womit neben Heimcomputern auch elektronische Spielcomputer gemeint waren. Tatsächlich florierte der Markt: Dedicated Chess Computers erlebten von den späten 1970ern bis frühen 1990ern einen Boom, an dem RadioShack einen erheblichen Anteil hatte. Insbesondere in Nordamerika waren die Schachcomputer der Hausmarke oft Einsteigergeräte für tausende Hobbyspieler, da sie in jeder Mall-Filiale erhältlich und vergleichsweise erschwinglich waren (frühe Modelle kosteten um die 100 $, High-End-Geräte der 90er etwa 200 $).

Die Zusammenarbeit mit Weltmeister Kasparow verlieh den Geräten zudem einen prestigeträchtigen Anstrich, was das Vertrauen in diese „elektronischen Schachpartner“ stärkte. Zwar konnten High-End-Geräte von spezialisierten Herstellern (etwa Mephisto von Hegener+Glaser in Deutschland) bei Computerschach-Wettbewerben oft Erfolge feiern, doch RadioShack spielte die Rolle des Massenanbieters: Man dominierte in den USA das Einsteiger- und Mittelklassesegment. Wie oben erwähnt, eroberte SciSys (mit RadioShack als Vertrieb) in vielen Ländern einen Marktanteil von fast 50 % und mehr. Ohne RadioShack/Tandy wäre die weltweite Verbreitung von Schachcomputern in diesem Ausmaß kaum erfolgt – denn erst die Präsenz in einem Allerwelts-Elektronikladen brachte Computer-Schachspiele „unter die Leute“. Viele Schachspieler erinnern sich noch heute, ihre ersten Partien gegen einen Schachcomputer auf einem RadioShack-Gerät gespielt zu haben.

Niedergang und Ende der Schachcomputer-Ära

Mitte der 1990er Jahre geriet der Markt für dedizierte Schachcomputer ins Stocken. Der technologische Vorsprung spezialisierter Geräte schrumpfte rapide, da haushaltsübliche PCs immer schneller und leistungsfähiger wurden. 1994 besaß ein typischer Heim-PC einen Pentium-Prozessor, auf dem Software wie Chessmaster oder Fritz lief und die besten tragbaren Schachcomputer deutlich übertraf. Gleichzeitig etablierten sich Spielkonsolen und PDAs – die Konkurrenz für dedizierte Schachgeräte wuchs also. Ab etwa 1995 konnten eigenständige Schachcomputer nicht mehr mit der Rechenpower von PCs mithalten, zumal die Kosten für PC-Hardware sanken. Dies führte zu einem Nachfragerückgang: Viele Gelegenheitsspieler begnügten sich mit günstiger (oder sogar kostenloser) Schachsoftware auf dem Computer, statt ein Spezialgerät anzuschaffen.

Bei Tandy/RadioShack kamen zusätzlich strategische Veränderungen hinzu. Das Unternehmen wandte sich, wie erwähnt, stärker dem Mobilfunk und allgemeinen Elektronik-Gadgets zu und verlor das Interesse am Nischenmarkt der Schach- und Lerncomputer. In den späten 90ern verschwanden Bausätze, Elektronik-Brettspiele und ähnliche Produkte weitgehend aus den Filialen, zugunsten von Handys und Unterhaltungselektronik. Im Mai 2000 ließ das Unternehmen das "Tandy" aus dem Firmennamen wieder entfernen und nannte sich wieder nur RadioShack, gleichzeitig wurde auch das Logo modernisiert. Dennoch führte RadioShack die eingeführte Schachcomputer-Produktlinie noch bis in die frühen 2000er weiter: So erschienen z.B. 2001/2002 noch ein „Talking E-Chess“ und 2004/05 ein letztes „E-Chess & Checkers Express“ als portable LCD-Geräte. Diese richteten sich vor allem an Kinder und Gelegenheitsspieler und basierten oft auf günstigen OEM-Platinen (von Excalibur, Saitek etc.).

Spätestens nach 2005 endete jedoch die Schachcomputer-Ära bei RadioShack. Das Interesse der Kundschaft verlagerte sich endgültig auf PC-Programme und ab den 2010ern auf Smartphone-Apps, die jeden dedizierten Schachcomputer in Funktionalität und Spielstärke übertrafen. Viele der einst führenden Schachcomputer-Hersteller hatten da bereits aufgegeben oder wurden übernommen (Saitek etwa kaufte 1994 Mephisto auf und fokussierte sich später auf PC-Zubehör). Für Tandy/RadioShack, deren Kerngeschäft stets der Verkauf massentauglicher Elektronik war, lohnte es sich nicht mehr, die immer kleiner werdende Nische zu bedienen. So verschwand ein Stück Technikgeschichte leise aus den Ladenregalen.

Im Jahr 2007 betrieb RadioShack stolze 7000 Filialen in den Vereinigten Staaten und erwirtschaftete einen Umsatz von 4,3 Milliarden US-Dollar. Doch Anfang 2015, nach elf aufeinanderfolgenden Quartalsverlusten, musste das Unternehmen Insolvenz anmelden. Trotz dieses Rückschlags existiert die Marke RadioShack weiterhin als Onlinehandel.

Dennoch bleibt die Pionierleistung von Tandy/RadioShack in Erinnerung: Sie haben in den 1980ern und frühen 90ern wesentlich dazu beigetragen, Schachcomputer populär zu machen, und zahlreiche Modelle geschaffen, die heute begehrte Sammlerstücke in Museen und Privatsammlungen sind. Die Marke mag heute nicht mehr im Schachmarkt präsent sein – doch Begriffe wie „Chess Champion 2150L“ oder „Tandy Sensory Chess“ wecken bei einer Generation von Schachfreunden bis heute nostalgische Erinnerungen an die Zeit, als man erstmals gegen „den Computer“ antrat.

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