5. WCCC Köln 1986

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  • Köln Deutschland, 1986.06.11 - 1986.06.15
  • World Computer Chess Champion: Cray Blitz
  • Programmierer: Robert Hyatt


Player Score SOP 1 2 3 4 5
1: Cray Blitz 4.0 / 5 14.5 20w+ 6b- 2w+ 14b+ 3w+
2: Be-Be 4.0 / 5 13.5 16b+ 15w+ 1b- 11w+ 5b+
3: Hitech 4.0 / 5 13.5 18b+ 14w+ 7b+ 5w+ 1b-
4: Sun Phoenix 4.0 / 5 13.0 5b- 11w+ 18b+ 7w+ 6b+
5: Rebel 3.0 / 5 17.5 4w+ 12b+ 6w+ 3b- 2w-
6: Bobby 3.0 / 5 15.5 19b+ 1w+ 5b- 8w+ 4w-
7: Plymate 3.0 / 5 14.5 21b+ 8w+ 3w- 4b- 12w+
8: Mephisto X 3.0 / 5 13.0 9w+ 7b- 17w+ 6b- 14w+
9: Dutch 3.0 / 5 11.5 8b- 19w+ 11b= 15w= 13w+
10: Nona 3.0 / 5 6.5 14b- 18w- 21b+ 22b+ 15w+
11: Advance 68K 2.5 / 5 14.5 17w+ 4b- 9w= 2b- 19w+
12: Lachex 2.5 / 5 12.0 13b+ 5w- 16b= 18w+ 7b-
13: Ostrich 2.5 / 5 11.0 12w- 20b+ 15b= 16w+ 9b-
14: Schach 2.7 2.0 / 5 14.0 10w+ 3b- 22w+ 1w- 8b-
15: Cyrus 68K 2.0 / 5 12.5 22w+ 2b- 13w= 9b= 10b-
16: Vaxchess 2.0 / 5 11.0 2w- 22b+ 12w= 13b- 17w=
17: Chat 2.0 / 5 10.0 11b- 21w+ 8b- 19w= 16b=
18: Bcp 1.5 / 5 15.0 3w- 10b+ 4w- 12b- 20w=
19: Enterprise 1.5 / 5 12.0 6w- 9b- 20w+ 17b= 11b-
20: Awit 1.5 / 5 10.5 1b- 13w- 19b- 21w+ 18b=
21: Rex 1.0 / 5 9.5 7w- 17b- 10w- 20b- 22b+
22: Shess 0.0 / 5 10.0 15b- 16w- 14b- 10w- 21w-

55 games: +31 =7 -17

Alle Partien der 5. WCCC

Rekordbeteiligung bei der Computerschach-WM

(aus Computerschach und Spiele / Heft 3 / Juni-Juli 1986)

Cover Begleitheft der WM 1986 Köln

Mit insgesamt 23 Programmen gab es bei der 5. Computerschach-Weltmeisterschaft in Köln eine absolute Rekordbeteiligung. Auch von der Zuschauerzahl her setzte Köln neue Maßstäbe: Im Rahmen der Computermesse C'86 konnten viele tausend Besucher erleben, wie die besten Programme aus insgesamt acht Nationen um den Titel kämpften.

Bei der letzten WM in New York bedienten sich die meisten Programmierer noch der guten alten Telefonleitung: Sie sprachen mit einem Kollegen, der im Rechenzentrum saß und den eigentlichen Dialog mit dem Computer führte. Zeitverluste und Missverständnisse waren unvermeidlich, und die hohen Kosten für die Standleitungen machten die Veranstaltung zu einer sehr kostspieligen Angelegenheit.

In Köln wurde modernste Kommunikationstechnik eingesetzt. Ein führendes Unternehmen für elektronische Datenfernübertragung, die Deutsche Mailbox GmbH in Hamburg, hat es tatsächlich fertiggebracht, alle extern stationierten Großrechner über den weitaus preiswerteren Datex-P-Service der Bundespost mit Köln zu verbinden. Dabei wurden alle anfallenden Daten in einem Knotenrechner gesammelt und über eine gemeinsame („virtuelle") Leitung nach USA, Kanada oder England geschickt. Berechnet wird bei Datex-P nur die aktuelle Übertragungszeit — mitunter Bruchteile eines Pfennigs pro Zug. Das alles geschah fast ohne Zeitverzögerung, so dass der Bediener eines Rechners in Neumexiko fast das Gefühl hatte, sein Terminal sei mit einem Computer im Nebenzimmer verbunden.

Natürlich verfügt nicht jeder Rechner über einen Datex-P-kompatiblen Anschluss, und so musste das Kommunikationsgenie der Deutschen Mailbox, Horst-Günter Lynsche, am Vorabend der WM so manch abenteuerliche Verbindung stricken. „Wenn Sie mit Ihrem System eine Verbindung von Minnesota über Alabama nach Alberta herstellen können, dann klinken wir uns einfach in Kanada in das Netz ein!" Auch eingefleischte Computerspezialisten waren von so viel Improvisationstalent beeindruckt, und am Ende des Turniers mussten sogar die Skeptiker gestehen: Es hat alles tadellos geklappt.

Auch sonst spielten Computer am Rande der Weltmeisterschaft eine wichtige Rolle. Mit einem neuentwickelten Programm, das eingegebene Schachzüge auf Korrektheit überprüft und in verschiedene Sprachen und Formate übersetzt, hat CSS-Herausgeber Dieter Steinwender zusammen mit einigen Lesern unserer Zeitschrift alle WM-Partien erfaßt. Pünktlich eine halbe Stunde nach jeder Runde wurde so ein Turnierbulletin mit Diagrammen und Zwischenergebnissen an die Teilnehmer und Pressevertreter verteilt — eine Leistung, die mit viel Beifall bedacht wurde.

Die technische Leitung des Turniers nahmen der frischgewählte Präsident des Welt-Computerschachbunds ICCA, David Levy, und CSS-Herausgeber Frederic Friedel gemeinsam wahr. Die organisatorische Einbettung der WM in die Köln Messe besorgte die PR-Firma Henschel + Stinnes, ein Großteil der Finanzierung stammte von dem Münchner Schachcomputerhersteller Hegener + Glaser. Wie bei allen wichtigen Computerschach-Meisterschaften war IM Mike Valvo der souverän agierende Turnierleiter, der gemeinsam mit den Großmeistern Helmut Pfleger und Vlastimil Hort auch noch die laufenden Partien kommentierte.

Prominentester Besucher der WM war der israelische Humorist Ephraim Kishon, der ein begeisterter Schachcomputer-Fan ist (das Thema einer Messe-Talkshow „Computerschach — warum?" formulierte er elegant um: „Computerschach warum nicht?"). Auch vier Fernsehanstalten schickten Kamerateams zur Weltmeisterschaft nach Köln, die ARD berichtete sogar in einer halb-stündigen Livesendung über die Finalrunde am Sonntag — und das während der Fußball-WM in Mexiko!

Die Teilnehmer

OSTRICH: Das Programm stammt von einem Schachprogrammierer der ersten Stunde: Prof. Monroe Newborn von der McGill University in Quebec, Kanada, hat bislang an jeder Welt- und US-Meisterschaft teilgenommen. Er war lange Zeit Präsident des Welt-Computerschach-Verbands (ICCA) und hat mehrere Bücher über Computerschach geschrieben. Newborn gilt als Experte für „Multiprocessing", und bei der WM in Köln spielte er mit acht parallelgeschalteten 16-Bit-Rechnern, die in Montreal stehen.

AWIT: Auch Prof. Tony A. Marsland von der University of Alberta in Kanada gehört zu den regelmäßigsten Teilnehmern an Computerschach-Meisterschaften. Er benutzte einen 32-Bit-Rechner (Amdahl 5860), und sein stark selektives Programm AWIT ist mit 750 KB außergewöhnlich groß.

SUN PHOENIX: Früher ließ Phoenix-Autor Jonathan Schaeffer von der University of Alberta sein Programm auf einem Großrechner laufen, aber nun arbeitet auch er mit parallelgeschalteten Systemen: Zwanzig 32-Bit SUN-Rechner, die in Kalifornien stehen, führen gemeinsam die Suche nach dem besten Zug.

LACHEX: Burton Wendroff und Tony Warnock von dem berühmten Los Alamos National Laboratory in Neumexiko (USA) setzten den zur Zeit größten Computer der Welt ein: Ein in Chippen Falls, Wisconsin, stehender Cray XMP 4/16 kann mehrere hundert Millionen Operationen pro Sekunde ausführen. Allerdings bekam die Lachex-Mannschaft während der Weltmeisterschaft selten mehr als einen kleinen Teil der Rechnerzeit für sich.

CRAY BLITZ: Der amtierende Weltmeister lief ebenfalls auf einem Cray XMP mit vier Zentra-leinheiten, die zusammen nicht weniger als 420.000.000 Operationen pro Sekunde ausführen können. Der freongekühlte Superrechner stand in den Forschungslabors von Cray Research in Mendota Hights, Minnesota, und setzte während der Partien seine gesamte Rechengewalt für das Schachspiel ein. Bedient wurde der Computer von Harry Nelson, während die beiden anderen BLITZ-Autoren Robert Hyatt und Al Gower von der University of Alabama am anderen Ende der Leitung saßen.

HITECH: Prof. Hans Berliner, ein Pionier des Computerschachs (und zweifacher Fernschach-Weltmeister!) hat zusammen mit einem Team von Experten eine superschnelle Schachhardware entwickelt, die in der Lage ist, bis zu 200.000 Stellungen in der Sekunde zu erzeugen und zu bewerten. Hardware-Spezialist C. Eberling reiste mit Berliner zur WM in Köln, der Rechner blieb aber in der heimatlichen Carnegie-Mellon-University in Pittsburgh.

SCHACH 2.7: Matthias Engelbach war zum dritten Mal bei einer Computerschach-WM dabei. Er hat ein traditionelles Brute-Force-Programm, das in ALGOL geschrieben ist und 1000 bis 2000 Stellungen pro Sekunde untersucht. Der bei der WM verwendete Burroughs Großrechner stand in der Bundeswehrhochschule in Neubiberg.

BOBBY: Das deutsche Programm debütierte 1983 bei der WM in New York und machte einen vielversprechenden Eindruck. Die Autoren Hans-Jo-achim Kraas und Günther Schrüfer arbeiten in der Programmiersprache PASCAL und traten in Köln mit einem Amdahl 470 V7B der TU Braunschweig an.

BE-BE: Tony and Linda Scherzer aus Illinois, USA, haben vor vielen Jahren eine besondere Schachmaschine gebaut, die sie „Chess Engine" nennen. Sie untersucht 45.000 Stellungen pro Sekunde und ist in der Lage, jeden anderen Computer der Welt in Verlegenheit zu bringen. Auch Be-Be galt als Anwärter auf den Titel (Scherzer: „Irgendwann sind auch wir an der Reihe.)

BCP: Don Beal vom Queen Mary College in London trat früher mit Großrechnern an, jetzt begnügt er sich mit einem Mikroprozessor-System. Immerhin kann der verwendete Z8000 ebenso-schnell rechnen, wie mancher Großrechner vergangener Jahre.

CYRUS-68K: Die Firma Intelligent Software (Mark Taylor, David Levy, Kevin O'Connell) lässt selten eine Meisterschaft aus. Diesmal kamen sie mit einer von der Firma selbst entwickelten 68020-Karte für den IBM PC sowie einem Programm, das zwei Tage vor der Weltmeisterschaft zum ersten Mal Schach spielte.

KEMPELEN ATARI: Der Ungar Attila Kowacs hatte Probleme mit seinem neuen, für den Atari 520 ST geschriebenen Programm. Schade, denn viele ST-Besitzer warten mit Spannung auf ein starkes Schachprogramm für den preiswerten 68000-Rechner.

MEPHISTO COLOGNE: Im September 1985 deklassierte Richard Lang mit dem Mephisto Amsterdam die gesamte Konkurrenz und gewann den Titel des Mikrocomputer-Weltmeisters. In Köln wollte er die „Großen" das Fürchten lehren, mit einem verbesserten Programm auf 68020-Hardware, die in einem handelsüblichen MEPHISTO-Schachcomputer (mit zusätzlichem Ventilator) lief. Theoretisch könnte auch diese superschnelle Hardware einem größeren Publikum zur Verfügung gestellt werden.

NONA: Das Programm des Holländers Frans Morsch lief in einem MEPHISTO Mondial, der im Laden weniger als DM 500,- kostet. Das Programm war allerdings vor der WM verbessert worden und dürfte im Mondial II zum Einsatz kommen.

REX: Die Amerikaner Don Dailey und Sam Sloan spielten zum ersten Mal bei einem wichtigen Computerturnier mit. Ihr Programm, das auf einem Tandy 3000 lief, bekam seine Eröffnungsbibliothek von einem neunjährigen Mädchen: Judit Polgar, die immerhin 2200 Elo-Punkte hat!

PLYMATE: Die Schweden Ulf Rathsman und Lars Hjörth schreiben Programme für die Firmen Conchess und Hegener + Glaser (bei der Mikro-WM in Amsterdam 1985 wurden sie Zweite). In Köln traten sie mit einer frisierten Conchess-Hardware an, die den 6502 auf über 9 MHz laufen ließ.

SHESS: Über dieses neue Programm von dem Holländer Ard van Bergen war vor der WM wenig bekannt. Es ist in FORTRAN und Assembler geschrieben und untersucht nur 150 bis 400 Stellun-gen pro Sekunde. Benutzt wurde eine MikroVAX, die der Programm-Autor selbst nach Köln mitbrachte.

ADVANCE 68: Das Programm von Dave Wilson beherrschte viele Mikro-Weltmeisterschaften, als es noch auf selbstgebastelter Bit-Slice-Hardware lief. Nun ist der Engländer auf den beliebtesten „Schach-Prozessor", den 68000 von Motorola, umgestiegen.

REBEL: Der Holländer Ed Schröder reiste mit einem Apple-kompatiblen Computer an, der mit einer Accelleratorkarte von CSS-Mitarbeiter Jörg Mitsdörffer auf Touren (11 MHz) gebracht wurde. Das 8-Bit-Programm lässt sich ohne weiteres mit 6502-Hardware betreiben und wird sicherlich bald als Programm-Modul in den Mephisto-Geräten erscheinen.

CHAT: Wolfgang Delmare aus Solingen war zum ersten Mal mit seinem in Pascal geschriebenen Programm bei einer Computermeisterschaft dabei. Die Leistung des Programms hing zum großen Teil davon ab, wie viele andere Benutzer im Re-chenzentrum gerade den CYBER 175 beanspruchten.

DUTCH: Die Holländer Hühnen, Nefkens und van den Herik haben ihr großes (350K!) C-Programm von PION auf den Namen DUTCH umgetauft und auf einer Vax 11/750 laufen lassen.

ENTERPRISE: Programm-Autor Kaare Danielsen aus Dänemark spielte mit einem völlig unveränderten Advanced Star Chess (Kostenpunkt: DM 298,-) und stellte damit das kleinste Gerät dieser Weltmeisterschaft.

VAXCHESS: Ein völlig neues Programm der Engländer Tony Guilfoyle und Richard Hooker lief auf einer MikroVAX und wurde im letzten Augenblick wegen der Absage einiger Programme (JAMIC von Dave Kittinger, und SPOC von Jacques Middlecoff) zum Turnier zugelassen.

Die WM-Teilnehmer im Überblick

Programm Land Autoren Prog.-sprache Prog.-größe Eröffnungen Computer Wortlänge Mio Ins/s Stellungen pro Sek
Cray Blitz USA Hyatt, Gower, Nelson Fortran/CAL 100K 5.000 Cray XMP 64 420 100.000
Hitech USA Berliner u.a. C 5.800 VLSI-Sys 175.000
Be-Be USA Scherzer Assembler 16K 4.000 Chess En. 16 10 45.000
Sun Phoenix CDN Schaeffer, Olafsson 250K 3.000 20 x SUN 32 40 9
Rebel NL Schröder, Louwman Assembler 20K 5.000 Eigenbau 8 2 500
Bobby Schrüfer, Kraas Pascal 500K 5.000 Amdahl 32 6 400
Plymate S Rathsman Assembler 40K 2.500 65CO2 8 2,6 2.500
Mephisto D Lang Assembler 48K 20.000 68020 32 4 2.000
Dutch NL Hünen, Nefkens, Herik Assembler 350K 5.000 Gould 32 4 1.000
Nona NL Morsch Assembler 32K 7.000 65CO2 8 1 800
Advance 68K GB Wilson Assembler 60K 4.500 68000 16 1 100
Lachex USA Warnock, Wendroff Fortran/Ass. 20.000 Cray XMP 64 ? 40.000
Ostrich CDN Newborn Assembler 16K 1.000 8 x DG 16 8 2000
Schach 2.7 D Engelbach u.a. Algol 4MB 10.000 B 7800 48 8 1.500
Cyrus 68K GB Taylor, Levy, O'Connell Assembler 32K 16.000 68020 32 4 3.000
Vaxchess GB Guilfoyle, Hooker MicroVAX 32 ?
Chat Delmare Pascal 22K 4.500 Cyber 175 60 10 500
BCP GB Beal Assembler 64K 1.000 Z8000 16 4 5.000
Enterprise D Danielsen Assembler 16K 6.000 HD 6301 Y 8 ? 500
Awit CDN Marsland Algol-W 750K 10.000 Amdahl 32 12 8
Rex USA Dailey, Sloan Pascal 48K IBM XT 16 0,5 9
Shess NL van Bergen Fortran/Ass. 70K 1.000 Vax 32 4 400
Kempelen H Kovacs C/Assembler 720K 65.000 Atari ST 16 1 9

Mikrorechner beinahe Weltmeister

Spannung und Dramatik bei der Computerschach-WM in Köln

Im nachfolgenden Turnierbericht finden Sie die interessantesten Partien der Weltmeisterschaft. Unser besonderer Dank gilt IM Otto Borik, der am Tage nach der WM in einer Mammutsitzung bei der Analyse und Kommentierung der Partien half.

Erste Runde

Am Mittwoch, den 11. Juni begann die Weltmeisterschaft. Die meisten Teilnehmer waren bereits um 8.00 Uhr im noch leeren Messegebäude, denn niemand erwartete eine schnelle Lösung aller Kommunikationsprobleme. Aber der quirlige Horst-Günter Lynsche hatte bereits am Vortag alle Terminals aufgestellt und alle Verbindungen geprüft, so dass die Runde pünktlich um 10.00 beginnen konnte.

Vier Favoriten wurden unter den Experten als mögliche Anwärter auf den Titel gehandelt: Cray Blitz, Hitech, Be-Be und Mephisto Cologne. Kein anderes Programm, so meinte beispielsweise David Levy, habe eine Chance. Die Paarungen wurden am Vorabend vom Turnierdirektor Valvo zusammen mit Levy, Friedel und Prof. Newborn auf Grund der geschätzten Spielstärke der Programme vorgenommen. Dabei ergab sich, dass Mephisto Cologne gleich in der ersten Runde gegen einen holländischen Großrechner anzutreten hatte. Auf diese Partie waren die meisten Augen gerichtet - besonders die der Schachcomputer-Fans. Mephisto konnte also diese lange Zeit nach Remis aussehende Partie zum Schluss doch noch gewinnen und seinen Anspruch auf einen der vorderen Plätze bekräftigen. Auch der amtierende Weltmeister Cray Blitz setzte sich gegen den zweiten der letzten WM, das stark selektiv arbeitende Programm Awit, mit taktischen Mitteln glatt durch. Der Spezialrechner HITECH ließ dem ebenfalls selektiv arbeitenden Programm BCP in einer aggressiv geführten Partie keine Chance, und auch Be-Be nutzte eiskalt einen Fehler des Gegners Vaxchess zu einem vollen Punktgewinn. Alle vier Favoriten besiegten damit erwartungsgemäß die niedriger gesetzten Gegner. Dafür gab es fast die erste große Sensation der WM, als das deutsche Großrechnerprogramm BOBBY einen krassen Fehler machte und beinahe gegen das kleinste Gerät im Saal verlor. Aber Enterprise versagte im Endspiel und konnte das Geschenk nicht zum Punktgewinn verwerten.

Aufregung gab es in der Partie Rebel gegen Sun Phoenix, als das kleine 8-Bit-Programm den zwanzig 32-Bittern in Kalifornien trotzte.

Zweite Runde

Die Großmeister Pfleger und Hort wechselten sich bei der Kommentierung des Geschehens für das Publikum ab, aber bald konzentrierte sich das Interesse aller Anwesenden auf eine Partie, die sich zu einer der schönsten der Computerschachgeschichte entwickelte: Nebenan spielten im Grunde genommen zwei Mephistos gegeneinander, denn das Programm Plymate steckt bekanntlich im MM II-Modul. Die Mephisto-Cologne-Mannschaft um Richard Lang und Ossi Weiner war recht zuversichtlich. Weiner: „Wir haben in Amsterdam gegen das Rathsman-Programm 11:0 gespielt, warum sollten wir heute das erste Mal verlieren?" Zumal Mephisto Cologne wieder mit superschneller 68020-Hardware lief und neue, aggressivere Algorithmen erhalten hatte. Ein schwerer Schock für die siegesgewohnte Mephisto-Mannschaft, aber auch einem anderen WM-Anwärter ging es ähnlich: Be-Be gewann gegen den schwach spielenden Cyrus 68K bereits im 12. Zug eine Figur und beendete die Partie mit weiterem Materialgewinn in 19 Zügen. Der kleine Enterprise bekam gegen Dutch wieder eine sehr vorteilhafte Stellung, die er bis ins Endspiel Läufer und Springer gegen Turm behielt. Dann aber spielte das Programm ziellos und verlor gegen das holländische Großrechnerprogramm. Währenddessen setzte sich Rebel mit den schwarzen Steinen gegen das Los-Alamos-Programm Lachex durch und übernahm mit Hitech, Be-Be, Bobby und Plymate die Spitze.

Attila Kovac war am ersten Turniertag gar nicht erschienen und erhielt dafür eine Null. In der zweiten Runde lieferte sein Programm die kürzeste Partie der Weltmeisterschaft:

Kempelen Atari-Vaxchess: 1.e4 Sf6 2.d4 Sc6 3.Ld3 d6 4.Lg5 Sxd4 und trotz größter Anstrengung des Programmautors weigerte sich Kempelen, die Partie fortzusetzen. Offensichtlich lag ein Diskettenfehler vor und der Ungar Attila Kovac hatte unverständlicherweise keine Sicherheitskopie mitgebracht. Kempelen Atari konnte nicht wieder in Gang gesetzt werden und schied damit endgültig aus dem Turnier aus. 0:1

Dritte Runde

Das Braunschweiger Programm Bobby wurde bereits als neuer Favorit diskutiert, hatte er doch am Vortag den amtierenden Weltmeister geschlagen. Für die heutige Runde erwarteten Schrüfer und Kraas keine allzu großen Probleme. Doch der aufgemotzte Apple ihres holländischen Gegners rebellierte gegen das Diktat der Großrechner. Viele Zuschauer verstanden die Welt nicht mehr: Bobby schlägt den amtierenden Weltmeister Cray Blitz und wird selbst von Rebel geschlagen. Sollte ein kleines 8-Bit-System Ehrgeiz auf den Titel haben?

Nebenan setzte sich Cray Blitz in einer zähen Verteidigungspartie gegen Be-Be durch - und wahrte damit die Chance auf eine Titelverteidigung. Währenddessen traf Hitech auf den ungeschlagenen Plymate, der ihn an der Tabellenspitze arg bedrängte. In dieser Runde gab es außerdem noch die ersten drei Remispartien, und am Ende führten Hitech und Rebel alleine mit je drei Punkten aus drei Spielen. Auch die kleinsten Geräte im Feld konnten ihre ersten Punkte sammeln, Nona gegen den schwach spielenden Rex und Enterprise immerhin gegen das Großrechnerprogramm Awit. Man sollte bedenken, dass der kleine Computer aus Hongkong weniger kostet als die Rechenzeit für einen einzigen Zug auf dem Amdahl!

Vierte Runde

In dieser Runde waren alle gespannt auf das Abschneiden der verschiedenen „Mephistos". Rebel, der als Mephisto-Modul auf den Markt kommen wird, hatte bislang alle Partien gewonnen, musste aber gegen den sehr stark spielenden Hitech antreten. Diese Partie stand naturgemäß im Mittelpunkt des Interesses, und die Zuschauer waren einhellig der Meinung, dass beide Seiten ganz ausgezeichnet gespielt hatten. Schwarz hatte erstaunlich viel gesehen, wurde aber von der überlegenen Rechenkraft von Hitech letztlich glatt überspielt.

Auch in der nachfolgenden Partie kamen die Zuschauer voll auf ihre Kosten: Nachdem Mephisto in der Eröffnung schlechter weggekommen war, opferte er auf dramatische Weise eine Figur, konnte aber in der Folge keinen zwingenden Angriff aufbauen. Würde nun der dritte „Mephisto" (Plymate alias MM II) zu Rebel aufschließen? Gleich in der Eröffnung sah er sich mit einer Art Trompowsky-Angriff konfrontiert, von dem er offensichtlich nicht allzu viel verstand. Von Sun Phoenix sah man dagegen eine erstaunlich reife positionelle Leistung, die zeigt, wie weit es solche Programme inzwischen gebracht haben (etwa Verbandsliga-Niveau). Der kleinste Mephisto, Nona, hatte einen weitaus schwächeren Gegner und brauchte mit den schwarzen Figuren nur 35 Züge, um Shess zu besiegen und damit die größeren Brüder einzuholen. Nun lagen sie gemeinsam mit zwei Punkten auf Platz 9 bis 14, immerhin noch vor drei Großrechnern und zwei MikroVAX. Weiter oben hielt sich Cray Blitz mit einem schwarzen Sieg gegen Schach 2.7 alle Optionen offen, denn am letzten Tag konnte er nun gegen den führenden Hitech antreten, um aus eigener Kraft dessen Siegeszug zu stoppen.

Fünfte Runde

Für die meisten Zuschauer war klar: Hitech wird Weltmeister. Die Maschine aus Pittsburgh hatte das attraktivste Schach gezeigt, und auch in der laufenden Partie gegen Cray Blitz sah es ganz nach einem weiteren Sieg der Mannschaft um Hans Berliner aus. Dann zeigte Hitech plötzlich Nerven... "Be-Be wird Rebel in 20 Zügen erledigen!" Das war die Meinung vieler Experten vor der Partie. Doch als sich die Niederlage von Hitech abzeichnete, begann man zu rechnen: Würde Rebel Be-Be schlagen, wäre er auf Grund der besten Buchholz-Wertung unter den Erstplatzierten Weltmeister. Und ein Blick auf das Brett verriet: Rebel steht klar auf Gewinn! Für Rebel-Autor Ed Schröder wurde es eine herzzerreißende Partie. Um ein Haar hätte es also einen Weltmeister gege-ben, der für einige hundert Mark zu kaufen gewe-sen wäre. Rebel-Betreuer Jan Louwman konnte sich von der Aufregung kaum noch erholen, und das Publikum begann gleich in den Messehallen nach der Verfügbarkeit des Programms zu fragen. Bekannt war, dass Hegener + Glaser gerade in diesem Jahr einen Vertrag mit Ed Schröder abge-schlossen hatten und das Programm als MM-III-Modul auf den Markt bringen wollten. Aber nun erklärte man auf einmal, Rebel sei nur schwer auf die Standardhardware zu bringen, da das Programm mit 32K-ROM und ziemlich viel RAM eine völlig neue Modul-Architektur verlange. Offensichtlich wollen die Münchner keine Unruhe in den Markt bringen, die den Verkaufserfolg der anderen Mephisto-Geräte schmälern könnte. Immerhin steht inzwischen fest, dass Rebel noch vor Weihnachten auf den Markt kommt, aller-dings als Zusatzmodul, keinesfalls als Standar-dausrüstung für den Mephisto Modular oder Exc-lusive. Natürlich wird es nicht so schnell laufen wie mit der Accelleratorkarte (11 MHz), aber das dürfte die wenigsten Schachcomputer-Freunde stören. Über Preise schweigt man sich indes noch aus.

Aber auch das ist verständlich: Wer wird den Münchner Herstellern nach diesem unerwarteten Erfolg eine kleine Besinnungspause vergönnen?

Strahlender Sieger der Weltmeisterschaft war zum Schluss Cray Blitz, der von den vier punktgleich an der Tabellenspitze liegenden Programmen die beste Buchholz-Wertung aufwies. Ein denkbar knapper, aber dennoch verdienter Sieg des alten und neuen Weltmeisters.

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