Boris
Boris war ein dedizierter Schachcomputer, der 1978 von der US-amerikanischen Firma Applied Concepts, Inc. entwickelt und vom Hauptvertreiber Chafitz (in Deutschland Sandy Electronic) vermarktet wurde. Er gehörte zu den frühen kommerziell erfolgreichen Schachcomputern und trug dazu bei, computergestütztes Schach einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Charakteristisch waren sein Holzgehäuse, die externe Brettdarstellung mit Figuren sowie die für die Zeit ungewöhnliche textliche „Kommunikation“ mit dem Benutzer über die Anzeige.
Geschichte
Die Entwicklung von Boris fiel in eine Phase raschen Wachstums im Bereich elektronischer Spiele und Heimcomputer. In den späten 1970er-Jahren begann sich ein Markt für spezialisierte Schachcomputer zu etablieren. Applied Concepts hatte bereits Erfahrungen mit elektronischen Spielgeräten gesammelt und nutzte diese, um ein eigenständiges Schachgerät zu entwickeln.
Die ersten Geräte entstanden bereits 1977, die offizielle Markteinführung erfolgte jedoch 1978. Der Vertrieb lief in den USA unter anderem über die Firma Chafitz. In Europa wurde das Gerät über verschiedene Importeure angeboten. Der Name Boris wurde vermutlich in Anlehnung an den damaligen Schachweltklassespieler Boris Spasski gewählt, dessen Bekanntheit dem Produkt zusätzliche Aufmerksamkeit verschaffte.
Das Gerät wurde als hochwertiges Konsumprodukt positioniert. Das Holzgehäuse und die Aufmachung erinnerten an klassische Brettspiele und sollten insbesondere schachinteressierte Käufer ansprechen.
Technik
Boris basierte auf dem 8-Bit-Mikroprozessor Fairchild F8, der mit 1 MHz getaktet war. Die Speicherausstattung war aus heutiger Sicht sehr gering, entsprach jedoch dem damaligen Stand der Technik:
- 2,5 KB ROM für das Programm
- 256 Byte RAM für Berechnungen und Partiedaten
Die Zugausgabe erfolgte über eine LED-Segmentanzeige. Der Benutzer gab seine Züge über ein Tastenfeld ein. Das Gerät besaß keine Sensoren im Schachbrett, die Figuren dienten ausschließlich der visuellen Darstellung für den Spieler.
Die Zeitkontrolle konnte in weiten Bereichen eingestellt werden. Es waren sehr kurze Rechenzeiten ebenso möglich wie extrem lange Bedenkzeiten pro Zug, was dem Nutzer erlaubte, die Spielstärke indirekt zu variieren.
Programm und Spielstärke
Das von David Lindsay entwickelte Programm arbeitete mit begrenzter Suchtiefe und vergleichsweise einfachen Bewertungsfunktionen. Positionswissen war nur rudimentär vorhanden. Dennoch spielte das Gerät regelkonformes Schach und erkannte grundlegende taktische Motive.
Die geschätzte Spielstärke lag im Bereich eines Einsteigers bis durchschnittlichen Vereinsspielers. Für starke Turnierspieler stellte Boris keine ernsthafte Herausforderung dar. Für viele Käufer war jedoch weniger die absolute Spielstärke entscheidend als die Möglichkeit, jederzeit gegen einen elektronischen Gegner spielen zu können.
Besonderheiten
Eine Besonderheit von Boris waren die eingeblendeten Textmeldungen. Das Gerät kommentierte bestimmte Spielsituationen mit kurzen, teils humorvollen Nachrichten. Diese Funktion unterschied Boris von vielen zeitgenössischen Geräten, die ausschließlich Züge anzeigten.
Das äußere Erscheinungsbild mit Holzgehäuse verlieh dem Gerät einen hochwertigen Eindruck. Viele Geräte überstanden die Jahrzehnte, weshalb Boris heute bei Sammlern historischer Schachcomputer anzutreffen ist.
Nachfolgemodelle
Auf Boris folgten weitere Modelle der Reihe, darunter:
Der Boris Diplomat war der erste Reiseschachcomputer. Er war kompakt konstruiert und auf Mobilität ausgelegt. Für dieses Gerät entwickelte Lindsay einen speziellen Zeichensatz zur Darstellung der Schachfiguren. Auf diesen Schachfiguren-Font hielt er ein Patent. Der Diplomat gilt somit als früher Vertreter tragbarer Schachcomputer.
Bedeutung
Boris gehörte zu den prägenden Schachcomputern der späten 1970er-Jahre. Er stand exemplarisch für den Übergang von experimentellen Geräten hin zu kommerziell verbreiteten Heim-Schachcomputern. Obwohl seine Spielstärke bald von neueren Geräten übertroffen wurde, blieb seine Rolle in der Frühgeschichte des Computerschachs bedeutsam.

"Sind Sie ein Computer?"
(aus Computerschach und Spiele / Heft 4/86 von Bernd Schneider)
Boris präsentierte sich in einem schönen Holzgehäuse (böse Zungen behaupteten, das sei das Wertvollste an ihm gewesen), das, innen unterteilt, links den eigentlichen Computer mit Drucktasten und Display und rechts ein Figurenfach enthielt. Die Tasten waren alphanumerisch, dazu gab's einen Timer, der die stets konstante Antwortzeit Boris' einzustellen gestattete. Über eine besondere Taste (Rank) konnte man das Brett reihenweise abrufen, dies sogar während des Denkprozesses, was recht lustig war, da man dann die Figurensymbole auf dem Display herumwieseln sah. Boris war von konservativer Gesinnung, er spielte stets nur mit Schwarz, doch war er immerhin bereit, ängstlichen Gegnern während der Partie die Zugentscheidungen auch einmal abzunehmen.
Das Schönste jedoch - und wie sehr vermissen wir so etwas bei den heutigen Geräten - war seine Fähigkeit zur Kommunikation mit dem menschlichen Gegner. Diesen fragte er per Laufschrift auf dem Display, ob Damen anwesend seien („Are there ladies present?"), um solche nicht durch allzu rauhes Spiel zu erschrecken. Ferner warnte er davor, manche Züge Sir David Levy zu zeigen („Don't show David Levy") oder er erging sich in allerlei Drohgebärden und Ankündigungen von Unheil („Now for the kill", „Hooray!", „Ready to resign?"). Bisweilen beanstandete er, dass es zu laut hergehe („I need less noise") und als ergötzlichste Frage richtete er die folgende an seinen Kontrahenten: „Are you another computer?".
Die Gefahr, dass dies zutraf, war zu Boris' Zeiten noch nicht sehr groß. Daher durfte er auch mit einer Spielstärke glänzen, die in ELO schwer zu beschreiben sein dürfte. Ich habe ihn gegen Elegance eine Damenvorgabepartie (Elegance spielte ohne Dame) spielen lassen, die Boris vernichtend verlor. Ich vermute, Elegance hätte noch beide Türme zusätzlich abtreten müssen, damit Boris' Kommentar „Do I have a chance?" zutreffen konnte.
Um ehrlich zu sein: Schachlich blieben die rund 80 Kommentare das Erfreulichste an Boris. Das übrige erschien deutlich zufallsgesteuert und von taktischen oder gar positionellen Erwägungen fast völlig unberührt. Sorry, Boris, wir lieben dich dennoch („1 expected that").
Die "inneren" Werte
Mitunter weist die Platine des Boris eine schlampige Verarbeitung auf. Diversen Lötstellen mangelt es an ausreichend Lötzinn, die Verdrahtung von Display und Tastatur ist wenig Vertrauen erweckend, die platinenseitige Verdrahtung des Adapterkabels ist katastrophal:
Es droht Kurzschlussgefahr, wenn das nicht gegen mechanische Überlastung gesicherte Adapterkabel (ein einfacher Knoten hätte schon genügt) zu sehr beansprucht wird!
Ferner ist festzustellen, dass der interne Spannungsregler eine enorme Hitze entwickelt. Sollte ein Boris jemals zerlegt werden müssen, ist dieser Regler vom kühlenden Rahmen abzuschrauben.
Beim Wiedereinbau ist zwingend auf eine perfekte Wärmeableitung des Reglers zu achten!
Möglicherweise hatte mein Vorredner ein Montagsgerät meine beiden Boris laufen oft tagelang. Aussetzer gabe es noch keine auch ohne Währmeableitung.
Wenn man das Gerät zerlegt, wird man feststellen das sich das Schaumgummi zwischen Tasten und Sensorplatine wegen Materialermüdung auflöst, was aber keinerlei Auswirkung auf den Gebrauch hat.
Bilder
- Pictures by Sascha Warnemünde
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Prospekt der Firma ELSY
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Bedienung und Stellungseingabe

Mit der Taste Rank werden 8 Spielfelder mit darauf befindlichen Spielsteinen reihenweise angezeigt. So lassen sich leicht andere Figuren platzieren. B/W dient zur Umschaltung der Spielfarbe.

