Chafitz: Unterschied zwischen den Versionen
Kategorie Hersteller hinzugefügt |
Keine Bearbeitungszusammenfassung |
||
| (37 dazwischenliegende Versionen von 2 Benutzern werden nicht angezeigt) | |||
| Zeile 1: | Zeile 1: | ||
[[ | [[File:Chafitz_Logo_hires.jpeg|250px]] | ||
===== Existenz: [[1977]] - [[1980]] ===== | |||
'''Chafitz Inc.''' war ein US-amerikanischer Hersteller früher Schachcomputer und anderer elektronischer Spiele. Das Unternehmen wurde Anfang der 1970er Jahre von '''Steve''' und '''Arleen Chafitz''' in '''Rockville, Maryland''', gegründet und wuchs mit einer Anfangsinvestition von nur 75 US-Dollar rasant. Chafitz spezialisierte sich auf innovative elektronische Gadgets und Unterhaltungselektronik und gilt als Pionier für elektronische Spiele mit künstlicher Intelligenz, insbesondere dedizierte Schach- und Backgammon-Computer. In den späten 1970er Jahren brachte Chafitz einige der ersten kommerziellen Schachcomputer auf den Markt, darunter das Modell [[Chafitz Boris|Boris]] ([[1978]]) und führte technische Neuerungen wie modulare Spielsysteme und Sensor-Schachbretter ein. Ende 1980 zog sich das Unternehmen aus dem Schachcomputermarkt zurück. | |||
< | <gallery style="text-align:left" widths="260" heights="200" mode="packed"> | ||
Bild:Chafitz_Store_Rockville_Maryland.jpeg| Chafitz Store (856 Rockville Pike, Rockville, Maryland) | |||
</gallery> | |||
[[ | === Geschichte === | ||
Steve und Arleen Chafitz erkannten früh das Potenzial von intelligenten elektronischen Spielen. Zunächst handelten sie ab 1971 mit Büroelektronik und einfachen elektronischen Geräten, doch schon bald dominierten sie mit Taschenrechnern, Digitaluhren, tragbaren Fernsehern, Videospielen und ähnlichen Produkten den jungen Markt der Unterhaltungselektronik. In dieser Zeit begann Chafitz auch, gezielt die besten verfügbaren Programmierer anzuwerben, um Spiele mit Künstlicher Intelligenz zu entwickeln. | |||
Als Steve Chafitz von einem in Texas entwickelten Schachcomputer erfuhr, nahm die Firmengeschichte eine entscheidende Wende. Im Februar 1978 brachte Chafitz seinen ersten Schachcomputer namens Boris heraus. Boris war ein Tischgerät auf Basis des 8-Bit-Mikroprozessors [[F8|Fairchild F8]], entworfen und hergestellt vom texanischen Partner [[Applied Concepts]], während Chafitz als Hauptvertrieb fungierte. Die Software stammte ursprünglich von Programmierer [[Lindsay, David|David Lindsay]]. Boris war einer der ersten kommerziell erfolgreichen Schachcomputer und erregte große Aufmerksamkeit. Sogar der damalige '''Schachweltmeister Bobby Fischer''' erkundigte sich begeistert telefonisch nach dem Gerät. In kurzer Zeit entstand eine ganze Boris-Produktreihe: Es folgten u. a. ein verbessertes Modell mit Akku ([[Chafitz Boris Master|Boris Master]]), ein handliches Reisegerät ([[Chafitz Boris Diplomat|Boris Diplomat]]). Auch ein Spitzenmodell namens ‘’Boris Grand Master’’’ war geplant, doch diese Idee blieb auf Prototypen beschränkt. | |||
Geplant waren gleiche und erweiterte Funktionen wie bei dem Boris Master, allerdings zusätzlich mit einem exklusiven vollelektronischen Brettdisplay. Schachfiguren wären nicht erforderlich gewesen, da das gesamte Schachbrett mit grafischen Symbolen dargestellt werden sollten, die die Position jeder Figur anzeigten. Mit einem speziellen Schalter sollte man wählen können, ob man die aktuelle Brettsituation anzeigt oder beobachten möchte, wie "Boris Gehirn" die Figuren elektronisch bewegt, während er über seinen nächsten besten Zug nachdenkt. Allerdings war im Batteriebetrieb nur das integrierte Display betriebsbereit, der Positionsspeicher, mit dem das Spiel jederzeit unterbrochen werden kann, funktioniert jederzeit. Geplant war ein massives Walnussgehäuse in der Größe: 39,3 cm x 25,4 cm x 8,7 cm. | |||
Parallel zum Schach wandte sich Chafitz auch anderen Spielen zu. [[1979]] stellte das Unternehmen mit '''Aristotle''' einen der ersten '''Backgammon-Computer''' vor. Dieses luxuriöse Gerät (Preis ca. 2.500 $) enthielt eine von Backgammon-Profi Paul Magriel (“Paul Brill”) und dem KI-Pionier Hans Berliner entwickelte Software. Aristotle besaß, analog zum Schachbrett bei Boris, ein berührungsempfindliches Backgammon-Brett und würfelte sogar automatisch elektronisch. Mit solcher technischer Raffinesse gehörte Aristotle zu den High-Tech-Geschenkartikeln der Saison 1979. | |||
{| | |||
| | |||
|- | |||
| [[file: ARISTOTLE.png|350px]] | |||
| ''“Paul Magriel, current World Backgammon Champion, demonstrates Chafitz’ new ARISTOTLE, said to be the strongest-playing computer backgammon device in the world. Heading the staff of people who wrote the backgammon program using a new concept was Dr. Hans Berliner, of Carnegie-Mellon. ARISTOTLE was scheduled to play the winner of July’s Merit World Backgammon Championships in Monte Carlo.“'' (Aus ''“Personal Computing“'' 09 / 1979) | |||
|} | |||
Ende der 1970er ging Chafitz eine enge Partnerschaft mit Applied Concepts Inc. (Plano, Texas) sowie der deutschen Firma [[Sandy Electronic]] ein. Applied Concepts entwickelte weitere Schachcomputer wie Boris Master und Boris Diplomat und produzierte die Hardware, während Chafitz den Vertrieb übernahm. Wichtigstes gemeinsames Projekt wurde das Chafitz [[Modular Game System]] (MGS), ein modularer Schachcomputer mit auswechselbaren Programm-Modulen. Chafitz hielt die Rechte am MGS und lancierte es im Januar 1979. Damit konnten Käufer ihr Gerät durch Einsteckmodule aufrüsten, ein Novum im Schachcomputerbereich. Um die Spielstärke erheblich zu steigern, engagierte Chafitz das renommierte Programmierer-Ehepaar [[Spracklen, Dan & Kathe|Dan und Kathe Spracklen]], die Schöpfer der erfolgreichen Schachsoftware '''[[Sargon]]'''. Deren neueste Version [[Sargon 2.5]] wurde als Modul für das MGS veröffentlicht (1979). Chafitz vermarktete das MGS mit Boris/Sargon 2.5 als ersten ernsthaften Turnierschachcomputer für anspruchsvolle Spieler. Das System konnte per Modulwechsel aktualisiert werden, was in dieser Form erstmals möglich war. Trotz der hohen Erwartungen blieben die Verkaufszahlen des MGS jedoch hinter den Prognosen zurück. | |||
Im Jahr 1980 brachte Chafitz ein weiteres bahnbrechendes Produkt heraus: das [[Auto Response Board]] (ARB - Gefertigt durch die Firma "[[AVE Micro Systems]]" aus El Centro, California) mit dem Spracklen-Programm Sargon 2.5. Das ARB war ein edles, holzgerahmtes Turnier-Schachbrett in voller Größe mit eingebauten Sensoren unter jedem Feld. Es erkannte Züge allein durch das Versetzen magnetischer Figuren, ein Drücken von Sensoren oder Tasten war nicht mehr nötig. Dieses System simulierte das Spiel gegen einen menschlichen Gegner so realistisch wie kein Schachcomputer zuvor. Das ARB markierte einen Meilenstein und begründete die Ära der Sensorbrett-Schachcomputer, denen bald auch Konkurrenten mit eigenen Modellen folgten. Allerdings war das Gerät mit rund 800 US-Dollar sehr kostspielig und spielte auf etwa 1400 Elo, vergleichbar mit dem MGS selbst. Dennoch galt das ARB als State-of-the-Art-System jener Zeit. | |||
Die Zusammenarbeit zwischen Chafitz und Applied Concepts endete 1980 abrupt. Aufgrund diverser eigener Produktentwicklungen beschloss Applied Concepts Anfang 1980, den Vertrieb fortan selbst zu übernehmen, ohne die Vermarktungsfirma Chafitz. Es kam zum Rechtsstreit zwischen Applied Concepts als Hersteller und Chafitz als Distributor der Schachcomputer. Infolgedessen stellte Chafitz Ende 1980 den Vertrieb seiner Schachcomputer ein und zog sich vollständig aus dem Schachcomputermarkt zurück. Die Spracklens erhielten aus dem defizitären Projekt kaum Tantiemen und wechselten Anfang der 1980er Jahre zu [[Fidelity|Fidelity Electronics]], dem damals größten Konkurrenten. Dort trugen sie maßgeblich dazu bei, Fidelitys Spitzenposition mit starken Programmen abzusichern. Applied Concepts führte die Entwicklung der modularen Schachcomputer indes unter eigener Regie fort. Zunächst weiter unter dem Chafitz-Markennamen, später unter der neuen Marke '''“Destiny”'''. So wurden z. B. das Modular Game System in Great Game Machine (GGM) umbenannt und mit verbesserten Modulen (Programmen [[Morphy]], [[Steinitz Edition-4 master chess|Steinitz]] u.a.) bis Mitte der 1980er Jahre weiter angeboten. | |||
Nach dem Rückzug aus dem Schachbereich widmeten sich Steve und Arleen Chafitz anderen Geschäftsbereichen. Sie schlossen gewissermaßen den Kreis und gründeten später das Unternehmen '''e-End''' mit Sitz in Frederick, Maryland, das sich auf die sichere Datenlöschung sowie das Recycling von Elektronikschrott spezialisiert hat. | |||
=== Technologische Bedeutung === | |||
Chafitz Inc. hat in der kurzen Zeit seiner Aktivität (1977–1980) einen nachhaltigen Einfluss auf die Entwicklung von Computerschach und elektronischem Spielzeug ausgeübt. Das Unternehmen gehörte zu den Vorreitern der Schachcomputer-Industrie, die Ende der 1970er Jahre noch in den Kinderschuhen steckte. Chafitz bewies Pioniergeist, indem es als erstes Unternehmen hochklassige Schachprogramme in dedizierter Hardware einem breiten Publikum zugänglich machte. Durch die Verpflichtung der Top-Programmierer Spracklen gelangten fortschrittliche Algorithmen (Sargon 2.5) in kompakte Tischgeräte / Programme, die zuvor auf teuren Großrechnern Turniere gewonnen hatten. | |||
Mit dem Modular Game System führte Chafitz das Konzept des aufrüstbaren Schachcomputers ein. Diese Idee – Hardware, die durch austauschbare Software-Module verbessert werden kann – war ihrer Zeit voraus und bot Schachenthusiasten eine neue Flexibilität. Zugleich demonstrierte das MGS, dass für viele Schachfreunde neben der Hardware auch der Programmierer als Herz des Computers entscheidend ist: Bereits Anfang der 1980er wurde offensichtlich, dass der Wettstreit im Computerschach primär zwischen den einzelnen Programmierern ausgetragen wurde. Die Abwerbung der Spracklens durch Fidelity unterstrich diese Dynamik eindrucksvoll. | |||
Vor allem jedoch setzte Chafitz mit dem Auto Response Board einen technischen Meilenstein. Erstmals wurde ein vollautomatisches Sensor-Schachbrett in einem Seriengerät realisiert. Dieses ermöglichte ein natürlicheres Spielerlebnis, man konnte wie gegen einen menschlichen Gegner die Figuren direkt auf dem Brett ziehen, während der Computer die Züge selbstständig erkannte. Alle großen Hersteller zogen in kurzer Folge nach und brachten eigene Sensorschachbretter auf den Markt. Chafitz ARB darf somit als Wegbereiter für eine ganze Generation von komfortableren Schachcomputern gelten. Auch Backgammon-Computer wie der von Chafitz eingeführte Aristotle profitierten von diesen Entwicklungen, da ähnliche Sensortechniken dort Anwendung fanden. | |||
Nicht zuletzt trug Chafitz durch aggressive Vermarktung und spektakuläre Produkte dazu bei, dass dedizierte Schachcomputer vom Spielzeug- zum Serious-Game-Status aufstiegen. Geräte wie das MGS mit Sargon 2.5 galten Anfang der 1980er als bevorzugte Wahl selbst für Vereinsspieler, da sie im Vergleich zu Konkurrenzmodellen die bessere Kombination aus Spielstärke und Erweiterbarkeit boten. Dies zwang Wettbewerber wie Fidelity, [[Novag]] und [[SciSys]], technisch nachzuziehen und ihre Programme stetig zu verbessern. | |||
Obwohl Chafitz nur wenige Jahre als Schachcomputer-Hersteller tätig war, hinterließ das Unternehmen ein bedeutsames Erbe. Viele der von Chafitz etablierten Konzepte – leistungsstarke modulare Schachcomputer, Sensorbretter und der Einsatz namhafter Schachprogrammierer – prägten die weitere Evolution kommerzieller Schachcomputer in den 1980er Jahren nachhaltig. Die Chafitz-Schachcomputer nehmen somit einen wichtigen Platz in der Geschichte des Computerschachs ein | |||
[[File:Chafitz_Schriftzug.png|400px]] | |||
==== Schachcomputer: ==== | |||
* [[Boris]] | |||
* [[Boris Diplomat]] | |||
* [[Boris Handroid]] | |||
* [[Boris Master]] | |||
==== Modulare Systeme ==== | |||
* [[Auto Response Board]] (ARB) | |||
* [[Modular Game System]] | |||
==== Module für das Auto Response Board (ARB): ==== | |||
* [[Grand Master Series Sargon 2.5]] | |||
==== Module für [[Modular Game System]]: ==== | |||
* [[Boris 2.5]] | |||
* [[Sargon 2.5]] | |||
== Weblinks == | |||
* [https://spacious-mind.com/html/chafitz.html Chafitz] by [http://spacious-mind.com The Spacious-Mind] | |||
* [https://www.chessprogramming.org/Chafitz Chafitz] by [https://www.chessprogramming.org Chess Programming Wiki] | |||
== Bilder == | |||
[[Bild:Boris.jpg|left|thumb|500px|Boris Schachcomputer]] | |||
[[Kategorie:Hersteller]] | [[Kategorie:Hersteller]] | ||
[[Kategorie:Prospekt]] | |||
Aktuelle Version vom 31. Januar 2026, 08:53 Uhr
Existenz: 1977 - 1980
Chafitz Inc. war ein US-amerikanischer Hersteller früher Schachcomputer und anderer elektronischer Spiele. Das Unternehmen wurde Anfang der 1970er Jahre von Steve und Arleen Chafitz in Rockville, Maryland, gegründet und wuchs mit einer Anfangsinvestition von nur 75 US-Dollar rasant. Chafitz spezialisierte sich auf innovative elektronische Gadgets und Unterhaltungselektronik und gilt als Pionier für elektronische Spiele mit künstlicher Intelligenz, insbesondere dedizierte Schach- und Backgammon-Computer. In den späten 1970er Jahren brachte Chafitz einige der ersten kommerziellen Schachcomputer auf den Markt, darunter das Modell Boris (1978) und führte technische Neuerungen wie modulare Spielsysteme und Sensor-Schachbretter ein. Ende 1980 zog sich das Unternehmen aus dem Schachcomputermarkt zurück.
-
Chafitz Store (856 Rockville Pike, Rockville, Maryland)
Geschichte
Steve und Arleen Chafitz erkannten früh das Potenzial von intelligenten elektronischen Spielen. Zunächst handelten sie ab 1971 mit Büroelektronik und einfachen elektronischen Geräten, doch schon bald dominierten sie mit Taschenrechnern, Digitaluhren, tragbaren Fernsehern, Videospielen und ähnlichen Produkten den jungen Markt der Unterhaltungselektronik. In dieser Zeit begann Chafitz auch, gezielt die besten verfügbaren Programmierer anzuwerben, um Spiele mit Künstlicher Intelligenz zu entwickeln.
Als Steve Chafitz von einem in Texas entwickelten Schachcomputer erfuhr, nahm die Firmengeschichte eine entscheidende Wende. Im Februar 1978 brachte Chafitz seinen ersten Schachcomputer namens Boris heraus. Boris war ein Tischgerät auf Basis des 8-Bit-Mikroprozessors Fairchild F8, entworfen und hergestellt vom texanischen Partner Applied Concepts, während Chafitz als Hauptvertrieb fungierte. Die Software stammte ursprünglich von Programmierer David Lindsay. Boris war einer der ersten kommerziell erfolgreichen Schachcomputer und erregte große Aufmerksamkeit. Sogar der damalige Schachweltmeister Bobby Fischer erkundigte sich begeistert telefonisch nach dem Gerät. In kurzer Zeit entstand eine ganze Boris-Produktreihe: Es folgten u. a. ein verbessertes Modell mit Akku (Boris Master), ein handliches Reisegerät (Boris Diplomat). Auch ein Spitzenmodell namens ‘’Boris Grand Master’’’ war geplant, doch diese Idee blieb auf Prototypen beschränkt.
Geplant waren gleiche und erweiterte Funktionen wie bei dem Boris Master, allerdings zusätzlich mit einem exklusiven vollelektronischen Brettdisplay. Schachfiguren wären nicht erforderlich gewesen, da das gesamte Schachbrett mit grafischen Symbolen dargestellt werden sollten, die die Position jeder Figur anzeigten. Mit einem speziellen Schalter sollte man wählen können, ob man die aktuelle Brettsituation anzeigt oder beobachten möchte, wie "Boris Gehirn" die Figuren elektronisch bewegt, während er über seinen nächsten besten Zug nachdenkt. Allerdings war im Batteriebetrieb nur das integrierte Display betriebsbereit, der Positionsspeicher, mit dem das Spiel jederzeit unterbrochen werden kann, funktioniert jederzeit. Geplant war ein massives Walnussgehäuse in der Größe: 39,3 cm x 25,4 cm x 8,7 cm.
Parallel zum Schach wandte sich Chafitz auch anderen Spielen zu. 1979 stellte das Unternehmen mit Aristotle einen der ersten Backgammon-Computer vor. Dieses luxuriöse Gerät (Preis ca. 2.500 $) enthielt eine von Backgammon-Profi Paul Magriel (“Paul Brill”) und dem KI-Pionier Hans Berliner entwickelte Software. Aristotle besaß, analog zum Schachbrett bei Boris, ein berührungsempfindliches Backgammon-Brett und würfelte sogar automatisch elektronisch. Mit solcher technischer Raffinesse gehörte Aristotle zu den High-Tech-Geschenkartikeln der Saison 1979.
Ende der 1970er ging Chafitz eine enge Partnerschaft mit Applied Concepts Inc. (Plano, Texas) sowie der deutschen Firma Sandy Electronic ein. Applied Concepts entwickelte weitere Schachcomputer wie Boris Master und Boris Diplomat und produzierte die Hardware, während Chafitz den Vertrieb übernahm. Wichtigstes gemeinsames Projekt wurde das Chafitz Modular Game System (MGS), ein modularer Schachcomputer mit auswechselbaren Programm-Modulen. Chafitz hielt die Rechte am MGS und lancierte es im Januar 1979. Damit konnten Käufer ihr Gerät durch Einsteckmodule aufrüsten, ein Novum im Schachcomputerbereich. Um die Spielstärke erheblich zu steigern, engagierte Chafitz das renommierte Programmierer-Ehepaar Dan und Kathe Spracklen, die Schöpfer der erfolgreichen Schachsoftware Sargon. Deren neueste Version Sargon 2.5 wurde als Modul für das MGS veröffentlicht (1979). Chafitz vermarktete das MGS mit Boris/Sargon 2.5 als ersten ernsthaften Turnierschachcomputer für anspruchsvolle Spieler. Das System konnte per Modulwechsel aktualisiert werden, was in dieser Form erstmals möglich war. Trotz der hohen Erwartungen blieben die Verkaufszahlen des MGS jedoch hinter den Prognosen zurück.
Im Jahr 1980 brachte Chafitz ein weiteres bahnbrechendes Produkt heraus: das Auto Response Board (ARB - Gefertigt durch die Firma "AVE Micro Systems" aus El Centro, California) mit dem Spracklen-Programm Sargon 2.5. Das ARB war ein edles, holzgerahmtes Turnier-Schachbrett in voller Größe mit eingebauten Sensoren unter jedem Feld. Es erkannte Züge allein durch das Versetzen magnetischer Figuren, ein Drücken von Sensoren oder Tasten war nicht mehr nötig. Dieses System simulierte das Spiel gegen einen menschlichen Gegner so realistisch wie kein Schachcomputer zuvor. Das ARB markierte einen Meilenstein und begründete die Ära der Sensorbrett-Schachcomputer, denen bald auch Konkurrenten mit eigenen Modellen folgten. Allerdings war das Gerät mit rund 800 US-Dollar sehr kostspielig und spielte auf etwa 1400 Elo, vergleichbar mit dem MGS selbst. Dennoch galt das ARB als State-of-the-Art-System jener Zeit.
Die Zusammenarbeit zwischen Chafitz und Applied Concepts endete 1980 abrupt. Aufgrund diverser eigener Produktentwicklungen beschloss Applied Concepts Anfang 1980, den Vertrieb fortan selbst zu übernehmen, ohne die Vermarktungsfirma Chafitz. Es kam zum Rechtsstreit zwischen Applied Concepts als Hersteller und Chafitz als Distributor der Schachcomputer. Infolgedessen stellte Chafitz Ende 1980 den Vertrieb seiner Schachcomputer ein und zog sich vollständig aus dem Schachcomputermarkt zurück. Die Spracklens erhielten aus dem defizitären Projekt kaum Tantiemen und wechselten Anfang der 1980er Jahre zu Fidelity Electronics, dem damals größten Konkurrenten. Dort trugen sie maßgeblich dazu bei, Fidelitys Spitzenposition mit starken Programmen abzusichern. Applied Concepts führte die Entwicklung der modularen Schachcomputer indes unter eigener Regie fort. Zunächst weiter unter dem Chafitz-Markennamen, später unter der neuen Marke “Destiny”. So wurden z. B. das Modular Game System in Great Game Machine (GGM) umbenannt und mit verbesserten Modulen (Programmen Morphy, Steinitz u.a.) bis Mitte der 1980er Jahre weiter angeboten.
Nach dem Rückzug aus dem Schachbereich widmeten sich Steve und Arleen Chafitz anderen Geschäftsbereichen. Sie schlossen gewissermaßen den Kreis und gründeten später das Unternehmen e-End mit Sitz in Frederick, Maryland, das sich auf die sichere Datenlöschung sowie das Recycling von Elektronikschrott spezialisiert hat.
Technologische Bedeutung
Chafitz Inc. hat in der kurzen Zeit seiner Aktivität (1977–1980) einen nachhaltigen Einfluss auf die Entwicklung von Computerschach und elektronischem Spielzeug ausgeübt. Das Unternehmen gehörte zu den Vorreitern der Schachcomputer-Industrie, die Ende der 1970er Jahre noch in den Kinderschuhen steckte. Chafitz bewies Pioniergeist, indem es als erstes Unternehmen hochklassige Schachprogramme in dedizierter Hardware einem breiten Publikum zugänglich machte. Durch die Verpflichtung der Top-Programmierer Spracklen gelangten fortschrittliche Algorithmen (Sargon 2.5) in kompakte Tischgeräte / Programme, die zuvor auf teuren Großrechnern Turniere gewonnen hatten.
Mit dem Modular Game System führte Chafitz das Konzept des aufrüstbaren Schachcomputers ein. Diese Idee – Hardware, die durch austauschbare Software-Module verbessert werden kann – war ihrer Zeit voraus und bot Schachenthusiasten eine neue Flexibilität. Zugleich demonstrierte das MGS, dass für viele Schachfreunde neben der Hardware auch der Programmierer als Herz des Computers entscheidend ist: Bereits Anfang der 1980er wurde offensichtlich, dass der Wettstreit im Computerschach primär zwischen den einzelnen Programmierern ausgetragen wurde. Die Abwerbung der Spracklens durch Fidelity unterstrich diese Dynamik eindrucksvoll.
Vor allem jedoch setzte Chafitz mit dem Auto Response Board einen technischen Meilenstein. Erstmals wurde ein vollautomatisches Sensor-Schachbrett in einem Seriengerät realisiert. Dieses ermöglichte ein natürlicheres Spielerlebnis, man konnte wie gegen einen menschlichen Gegner die Figuren direkt auf dem Brett ziehen, während der Computer die Züge selbstständig erkannte. Alle großen Hersteller zogen in kurzer Folge nach und brachten eigene Sensorschachbretter auf den Markt. Chafitz ARB darf somit als Wegbereiter für eine ganze Generation von komfortableren Schachcomputern gelten. Auch Backgammon-Computer wie der von Chafitz eingeführte Aristotle profitierten von diesen Entwicklungen, da ähnliche Sensortechniken dort Anwendung fanden.
Nicht zuletzt trug Chafitz durch aggressive Vermarktung und spektakuläre Produkte dazu bei, dass dedizierte Schachcomputer vom Spielzeug- zum Serious-Game-Status aufstiegen. Geräte wie das MGS mit Sargon 2.5 galten Anfang der 1980er als bevorzugte Wahl selbst für Vereinsspieler, da sie im Vergleich zu Konkurrenzmodellen die bessere Kombination aus Spielstärke und Erweiterbarkeit boten. Dies zwang Wettbewerber wie Fidelity, Novag und SciSys, technisch nachzuziehen und ihre Programme stetig zu verbessern.
Obwohl Chafitz nur wenige Jahre als Schachcomputer-Hersteller tätig war, hinterließ das Unternehmen ein bedeutsames Erbe. Viele der von Chafitz etablierten Konzepte – leistungsstarke modulare Schachcomputer, Sensorbretter und der Einsatz namhafter Schachprogrammierer – prägten die weitere Evolution kommerzieller Schachcomputer in den 1980er Jahren nachhaltig. Die Chafitz-Schachcomputer nehmen somit einen wichtigen Platz in der Geschichte des Computerschachs ein
Schachcomputer:
Modulare Systeme
Module für das Auto Response Board (ARB):
Module für Modular Game System:
Weblinks
Bilder
