SciSys Leonardo
Der SciSys Leonardo war ein 1986 eingeführter Schachcomputer des Herstellers SciSys, der in der Vermarktung auch unter dem Namen Kasparov Leonardo erschien. Das Gerät nahm innerhalb des SciSys-Programms eine Spitzenstellung ein: Es verband ein großes Holzbrett in Turniergröße mit Magnetsensorik, einer modularen Erweiterungsarchitektur und einer Schnittstelle zur Verbindung mit externen Computern. Das Grundprogramm stammte von Julio Kaplan und Craig Barnes von Heuristic Software und lief auf einem Hitachi HD6301Y0-Controller. In der Rückschau gilt der Leonardo als wichtiger Zwischenschritt auf dem Weg zu den späteren Saitek-Brettern Galileo und Renaissance.
Einordnung und Entstehung
Mitte der 1980er Jahre befand sich der Markt für dedizierte Schachcomputer in einer Phase deutlicher Ausdifferenzierung. Neben kompakten Geräten für Einsteiger entstanden zunehmend hochwertige Bretter für ambitionierte Spieler, die nicht nur eine stärkere Spielstufe, sondern auch eine komfortablere Bedienung boten. In diesem Umfeld erschien der Leonardo als luxuriös ausgestattetes Sensorbrett mit Holzgehäuse und Holzfiguren. Ein wesentliches Merkmal bestand darin, dass das Gerät bereits ohne Zusatzmodul als eigenständiger Schachcomputer betrieben werden konnte. Damit unterschied sich der Leonardo von rein modularen Systemen, bei denen das Brett ohne eingesetztes Programmmodul nur Eingabe- und Ausgabefunktionen bereitstellte.
Das Grundprogramm des Leonardo war eng mit demjenigen des SciSys Turbo S-24K verwandt. Der Leonardo war daher weniger ein vollständiger Neubeginn als vielmehr die Übertragung eines bereits bewährten Programms in eine neue, erheblich aufwendigere Hardwareplattform. Gerade diese Verbindung aus vorhandenem Grundprogramm und später nachrüstbarer Modultechnik machte das Gerät für SciSys attraktiv: Es konnte ein repräsentatives Edelholzbrett angeboten werden, ohne auf spätere Leistungssteigerungen verzichten zu müssen.
Technik und Ausstattung
Der SciSys Leonardo besaß ein vollformatiges Holzbrett mit einer Größe von rund 52 × 52 cm. Die Figuren wurden auf einer magnetischen Sensormatrix erkannt; zur Zugausgabe dienten 16 Rand-LEDs. Anders als spätere Spitzenmodelle verfügte der Leonardo über kein eingebautes Display. Die Bedienung erfolgte über 21 Tasten, die den Zugriff auf insgesamt 32 Spielstufen ermöglichten. Die Stromversorgung konnte entweder über vier C-Zellen oder ein Netzteil erfolgen. Der ursprüngliche Verkaufspreis belief sich auf 799 DM.
Im Inneren arbeitete ein HD6301Y0-Einchipprozessor mit 12 MHz, wobei intern mit 3 MHz gearbeitet wurde. Das Gerät verfügte über 8 KB RAM und 32 KB ROM. Hinzu kam eine Eröffnungsbibliothek von 5.000 Halbzügen. Diese technischen Daten zeigen, dass der Leonardo zwar in ein hochwertiges Möbel- und Brettkonzept eingebettet war, rechnerisch jedoch noch klar der 8-Bit-Generation verhaftet blieb. Seine Besonderheit lag somit weniger in roher Rechenleistung als in der Kombination aus Sensortechnik, Bedienkomfort und Erweiterbarkeit.
Ein auffälliges Merkmal des Geräts war die auf schnelle Eingabe ausgelegte Sensorik (Blitzbrett). Die empfindlichen Magnetsensoren registrierten auch weniger exakt ausgeführte Figurenbewegungen zuverlässig. Dadurch eignete sich das Brett besonders gut für Blitz- und Schnellschach, also für Einsatzszenarien, in denen eine bequeme und unmittelbare Zugerfassung wichtiger war als tiefste Analyse. Schon hierin zeigt sich, dass der Leonardo nicht nur als Rechenmaschine, sondern auch als hochwertiges Benutzersystem konzipiert war.
Modulares Konzept und OSA
Seine eigentliche technische Bedeutung gewann der Leonardo durch die von SciSys eingeführte Open System Architecture (OSA). Dieses Konzept sah vor, dass das Grundgerät über einschiebbare Module funktional und leistungsmäßig ausgebaut werden konnte. Bereits kurz nach der Einführung standen Maestro und Analyst als Erweiterungen zur Verfügung; darüber hinaus war das System auf weitere Schachmodule ausgelegt. Der Grundgedanke bestand darin, das hochwertige Brett langfristig nutzbar zu halten, während Rechenleistung, Speicher und Programmqualität durch neue Module gesteigert werden konnten.
Das Analyst-Modul war besonders bedeutend, weil es dem Leonardo eine LCD-Anzeige hinzufügte und damit einen zentralen Schwachpunkt des Grundgeräts ausglich. Es bot analytische Zusatzinformationen wie Stellungsbewertung, Suchtiefe, Variantenangaben und Zeitinformationen. Das Maestro-Modul zielte stärker auf die Spielstärke und hob die Leistungsfähigkeit des Systems deutlich an. In den folgenden Jahren erschienen in der Saitek-Linie weitere Module wie Brute Force. Das spätere Sparc-Modul war dagegen wegen Unterschieden bei Betriebssystem und Datenbus nicht mit dem Leonardo kompatibel.
Zur OSA gehörte außerdem eine externe serielle Verbindung. Unter dem Brett befand sich ein spezieller Anschluss mit TTL-Pegeln, der über ein Wandlerkabel an RS-232 angebunden werden konnte. Dadurch ließ sich das Brett an Heimcomputer oder PCs anschließen und später auch als Eingabegerät für Schachprogramme nutzen. Aus heutiger Sicht ist gerade diese Offenheit bemerkenswert: Während viele Schachcomputer der 1980er Jahre geschlossene Einzwecksysteme blieben, war der Leonardo bereits auf Integration in andere Computerumgebungen ausgelegt.
Spielstärke und Rezeption
In der nachträglichen Bewertung fällt das Urteil über den Leonardo zwiespältig aus. Einerseits galt das Gerät wegen seines großen Edelholzbretts, der Sensortechnik und der OSA als besonders attraktiv und zukunftsorientiert. Andererseits blieb die Spielstärke des eingebauten Grundprogramms hinter dem hohen Anspruch der Hardware und der Preispositionierung zurück. Für das Grundgerät wird ein CElo-Wert von 1602 angegeben. Die eigentliche Stärke des Systems lag daher in der problemlosen Aufrüstbarkeit. Der Leonardo war weniger das endgültige Spitzenmodell als vielmehr eine hochwertige Plattform, die erst durch Module ihr volles Potenzial entfalten konnte.
Diese Einschätzung entsprach auch der Produktphilosophie des Herstellers. Das Brett, die Sensorik und die OSA bildeten von Anfang an den eigentlichen Kern des Produkts. Das eingebaute Programm erfüllte die Rolle eines benutzbaren Startsystems, während für ehrgeizigere Spieler von vornherein der Weg zu Analyst- oder Maestro-Modulen vorgesehen war.
Turniere und Nachfolger
Der Leonardo blieb nicht auf den Wohnzimmereinsatz beschränkt. Ein SciSys Leonardo nahm am AEGON-Turnier 1986 teil und erzielte dort 2,5 Punkte aus 7 Partien. In den Ergebnislisten des AEGON 1987 erschienen darüber hinaus ein SciSys Leonardo 4 MHz sowie ein SciSys Leonardo 6 MHz, was die praktische Turniernutzung der Plattform und ihrer leistungsstärkeren Modul-Varianten dokumentiert. Damit wurde der Leonardo zwar nicht zu einer dominierenden Turniermaschine, wohl aber zu einem sichtbaren Vertreter der aufrüstbaren SciSys-Linie im frühen Mensch-Maschine-Wettkampf.
1988 wurde der Leonardo unter dem Namen Saitek Galileo weitergeführt. Die Umbenennung erfolgte aus urheberrechtlichen Gründen. Zugleich wurde das Gerät für schnellere Reaktionen überarbeitet. 1989 folgte mit dem Saitek Renaissance eine nochmals weiterentwickelte Version mit Display und zusätzlicher LED-Ausstattung. Damit markiert der Leonardo den Beginn jener hochwertigen modularen Brettlinie, die unter Saitek in den späten 1980er und frühen 1990er Jahren einen festen Platz in der Geschichte der Schachcomputer einnahm.
Bedeutung
Der SciSys Leonardo war kein Schachcomputer, der allein durch seine Grundspielstärke berühmt wurde. Seine historische Bedeutung liegt vielmehr in drei Punkten: erstens in der Verbindung aus hochwertigem Sensorschachbrett und eigenständigem Basisprogramm, zweitens in der für die Zeit ungewöhnlich offenen Modul- und Schnittstellenarchitektur, und drittens in seiner Rolle als unmittelbarer Vorläufer der späteren Saitek-Modelle Galileo und Renaissance. Gerade deshalb ist der Leonardo heute ein wichtiges Gerät für Sammler und für die Technikgeschichte der dedizierten Schachcomputer: Er steht für den Versuch, ein Schachbrett nicht nur als Spielgerät, sondern als ausbaufähige Plattform zu denken.
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