Fidelity Chess Challenger
Der Fidelity Chess Challenger (nachträglich oft als Chess Challenger 1 bzw. CC1 bezeichnet) gilt als der erste kommerziell erhältliche Schachcomputer der Welt. Er wurde 1977 von Fidelity Electronics in den USA vorgestellt und markiert den Beginn der Heim-Schachcomputer-Ära.
Intern wurde das Gerät bei Fidelity lediglich als Chess Challenger geführt, die Bezeichnung „1“ entstand erst später in der Literatur zur Abgrenzung gegenüber den zahlreichen Nachfolgemodellen der Serie.
Vom Gerät wurden nur etwa 1000 Exemplare produziert, was ihn heute zu einem seltenen Sammlerstück macht.
Geschichte
Der Chess Challenger entstand zu einer Zeit, als Mikroprozessoren erstmals leistungsfähig genug wurden, um eigenständige Schachprogramme in Konsumgeräten zu betreiben. Fidelity gehörte zu den Pionieren, die dieses Potenzial erkannten und in ein marktfähiges Produkt umsetzten.
Das Programm wurde von Ron Nelson entwickelt. In der zugehörigen Patentanmeldung ist dokumentiert, dass für die Bewertungsfunktion Teile und Konzepte aus dem Programm A Chess-Playing Program for the 9810A von Alan Wray als Referenz bzw. Hilfsmittel dienten.
Technische Merkmale
Der Chess Challenger basierte auf einem Intel-8080-Mikroprozessor mit 2 MHz Taktfrequenz. Die Hardwareausstattung war aus heutiger Sicht extrem begrenzt:
- 512 Byte RAM
- 2 KB ROM
- 4-stellige 7-Segment-LED-Anzeige
- Tastenfeld zur Zugeingabe
Ein Sensorbrett besaß das Gerät noch nicht, die Züge wurden vollständig per Tastatur eingegeben. Die Anzeige der Züge erfolgte alphanumerisch über die LED-Anzeige.
Vertauschte Koordinaten
Eine besondere historische Kuriosität des Geräts ist die Vertauschung von Reihen und Linien. Die Beschriftung des Brettes entsprach nicht der im Schach üblichen Konvention.
Bemerkenswert ist, dass diese Vertauschung bereits in den Patentzeichnungen (s.h. Bilder) von Ron Nelson auftaucht. Der Fehler fand somit schon in einer sehr frühen Entwicklungsphase Eingang in das Produkt.
Ein Teil der Produktion wurde aufgrund dieses Problems zunächst zurückgenommen. Später erschien eine korrigierte „Upgraded Version“, die technisch bereits dem Nachfolgemodell Fidelity Chess Challenger 3 entsprach. Dieses ersetzte den ursprünglichen Chess Challenger praktisch am Markt.
Regelumsetzung
Die Regelumsetzung des CC1 war noch unvollständig:
- Rochade wurde nicht korrekt geprüft
- en passant war fehlerhaft implementiert
- Schachgebote wurden nicht zuverlässig berücksichtigt
- Regelwidrige Züge des Spielers wurden akzeptiert
Diese Einschränkungen zeigen den experimentellen Charakter früher Schachcomputer.
Spielen mit Schwarz
Der Computer konnte ausschließlich nur mit den schwarzen Steinen spielen. Dennoch existieren mehrere Umgehungsmöglichkeiten, um selbst Schwarz zu spielen.
Scheinzug-Methode
Diese Methode nutzt die Tatsache aus, dass der Computer die Schachregeln nicht prüft. Indem der Spieler mit Weiß einen Scheinzug ausführt, beispielsweise „1a1a“, antwortet der Computer mit „4g4e“, was bedeutet, dass er mit den schwarzen Steinen eröffnet. Durch Spiegeln der Partie an der Mittellinie lässt sich jeder Zug auf eine korrekt mit Weiß begonnene Partie umrechnen. Der Zug „4g4e“ entspricht in der üblichen Notation „d7d5“. Spiegeln an der horizontalen Mittellinie ergibt „d2d4“.
Brett-Rotation
Eine alternative Methode besteht darin, die Figuren auf einem separaten Brett mit standardmäßigen Koordinaten anzuordnen. Indem man das Brett um 90 Grad gegen den Uhrzeigersinn dreht, wird die Beschriftung von rechts nach links mit 1 bis 8 und von unten nach oben mit a bis h geändert. Die schwarzen Figuren werden in der üblichen Weise auf der Seite des Spielers aufgestellt, wobei die schwarze Dame rechts am weißen Feld 4a steht. Die weiße Dame befindet sich am schwarzen Feld 4h. Im Wesentlichen werden lediglich die Farben der Felder vertauscht. Wenn der Spieler den Zug „1a1a“ ausführt, antwortet der Computer mit „4g4e“, was dem Zug 1. d4 entspricht und auf einem Brett mit dieser Beschriftung korrekt ausgeführt wird. Um sicherzustellen, dass die Farben der Felder korrekt sind, kann man die Beschriftung des Brettes manuell ändern (z. B. mit Aufklebern), ohne das Brett um 90 Grad zu drehen. Die Modifikationen sind wie folgt: a wird zu 8, b zu 7, …, h zu 1, während 1 zu a, 2 zu b, …, 8 zu h wird. Die schwarze Dame bleibt auf 4a. Auf einem so modifizierten Brett ist es möglich, ein ganz normales Spiel mit den schwarzen Steinen gegen den Computer zu spielen.
DM-Speichermethode
Mit der Taste DM lässt sich auch ein korrektes Spiel auf dem integrierten Brett einrichten. Dafür werden die weißen Figuren auf die Reihen g und h (in gewohnter Notation die Reihen 7 und 8) gestellt und Dame und König auf ihre korrekten Felder (Schwarze Dame auf d8, was dem Feld 5a am CC1 entspricht). Nach Drücken der Taste RE wird mit folgender Tastenkombination Dame und König im Speicher vertauscht:
DM,4a4c,EN,DM,5a4a,EN,DM,4c5a,EN,DM,4h4f,EN,DM,5h4h,EN,[kein DM],4f5h
Der Computer eröffnet mit „5g5e“, was in gewohnter Notation „e7e5“ entspricht. Umgerechnet auf die gegenüberliegende Aufstellung der weißen Figuren entspricht dies wieder dem Zug „d2d4“. Schaut der Spieler nur auf die Figuren und Felder und nicht auf die Notation, kann er nun ein normales Spiel mit Schwarz spielen. Leider kann der Computer in dieser Variante keine Rochade ausführen, da der König nicht auf dem aus seiner Sicht korrekten Feld steht. Für Analysen der Spielweise des Computers empfiehlt sich daher die erste Variante. Der Spieler kann eine Rochade ausführen, da diese ohne Prüfung der Schachregeln über die Taste DM umgesetzt wurde. In allen späteren Versionen des Fidelity Chess Challengers wurde die zweite Variante (natürlich inklusive Rochade für beide Seiten) durch einfache Tastenkombinationen realisiert.
Eröffnungsverhalten
Der Chess Challenger verwendet in den ersten Zügen ein spezielles Eröffnungsverhalten. Mindestens die ersten drei Antwortzüge folgen einem festen Schema.
Tests mit der DM-Taste zeigen, dass bestimmte Züge zunächst variiert werden, sich später jedoch auf eine feste Antwort „einrasten“. Dies deutet weniger auf eine echte Eröffnungsbibliothek hin als auf eine modifizierte Anfangslogik.
Nimmt man den Halbzug 3. ... b6 mit DM zurück, antwortet der Computer mit 3. ... Lb4+ (die Antwort kann man über den Scheinzug "1a1a" erzwingen). Gibt man alle Züge (also auch die des Computers) bis 3. d3 mit Hilfe der Taste DM ein, so muss man den Halbzug 3. ... b6 drei Mal mit der Taste DM zurücknehmen, bis der Computer mit 3. ... Lb4+ antwortet. Ab diesem Zeitpunkt wird er immer, egal wie oft man den Läuferzug zurücknimmt, mit dem Läuferzug antworten. Der Zug mit dem Läufer ist auch jener, der in dieser Stellung von A Chess-Playing Program for the 9810A, welches keinen Unterschied zwischen den ersten und späteren Zügen macht, gespielt wird.Nimmt man den Halbzug 3. ... b6 mit DM zurück, antwortet der Computer mit 3. ... Lb4+ (die Antwort kann man über den Scheinzug "1a1a" erzwingen). Gibt man alle Züge (also auch die des Computers) bis 3. d3 mit Hilfe der Taste DM ein, so muss man den Halbzug 3. ... b6 drei Mal mit der Taste DM zurücknehmen, bis der Computer mit 3. ... Lb4+ antwortet. Ab diesem Zeitpunkt wird er immer, egal wie oft man den Läuferzug zurücknimmt, mit dem Läuferzug antworten. Der Zug mit dem Läufer ist auch jener, der in dieser Stellung von A Chess-Playing Program for the 9810A, welches keinen Unterschied zwischen den ersten und späteren Zügen macht, gespielt wird.
Auch bei regelwidrigen Eröffnungszügen (z. B. 1.e5) zeigt das Gerät ein konsistentes Antwortmuster, was gegen eine klassische Bibliothek spricht.
Bedeutung
Der Fidelity Chess Challenger wird oft als der „Big Bang“ der Schachcomputer-Geschichte bezeichnet. Er war das erste Gerät, das Schachspielern einen erschwinglichen, eigenständigen elektronischen Gegner bot.
Trotz seiner Schwächen legte er den Grundstein für eine ganze Industrie und eine rasante technologische Entwicklung im Bereich der Schachcomputer. Fidelity selbst entwickelte sich in den folgenden Jahren zu einem der führenden Hersteller auf diesem Gebiet.
Heute besitzt der Chess Challenger vor allem historische Bedeutung und ist ein begehrtes Objekt für Sammler und Technik-Historiker.
Historische Einordnung im Kontext der Mikrocomputer-Revolution
Die Entstehung des Fidelity Chess Challenger fällt in eine Phase tiefgreifender technologischer Umbrüche. Mitte der 1970er Jahre begann mit der Verfügbarkeit preiswerter Mikroprozessoren die sogenannte Mikrocomputer-Revolution. Prozessoren wie der Intel 8080, der auch im Chess Challenger verwendet wurde, machten es erstmals möglich, komplexe Rechenlogik in kompakten und relativ kostengünstigen Geräten unterzubringen.
Bis dahin waren Schachprogramme fast ausschließlich auf Großrechnern und Universitätscomputern zu finden. Diese Systeme waren teuer, selten zugänglich und meist Forschungszwecken vorbehalten. Schachprogramme galten als Demonstrationsobjekte für Künstliche Intelligenz, nicht als Konsumprodukte.
Der Chess Challenger stellte hier einen Paradigmenwechsel dar. Er brachte ein eigenständiges Schachprogramm aus dem akademischen Umfeld in den privaten Haushalt. Damit wurde Schachsoftware erstmals zu einem kommerziellen Massenprodukt. Auch wenn die Spielstärke gering und die Regelumsetzung unvollkommen war, zeigte das Gerät, dass ein Mikroprozessor prinzipiell in der Lage war, ein vollständiges Schachspiel zu steuern.
Der Chess Challenger entstand in derselben Innovationswelle wie frühe Heimcomputerbausätze (z. B. Altair-Systeme) und die ersten programmierbaren Taschenrechner. In dieser Zeit experimentierten Entwickler weltweit mit den Möglichkeiten kleiner Prozessoren, oft mit extrem knappen Speicherressourcen. Die 2 KB ROM und 512 Byte RAM des CC1 waren typisch für diese Ära und zwangen die Programmierer zu hochgradig platzsparenden Lösungen.
Rückblickend markiert der Chess Challenger den Übergang vom Schachprogramm als Forschungsprojekt zum Schachcomputer als Konsumgerät. Die späteren, deutlich stärkeren Geräte der 1980er Jahre bauen technologisch und konzeptionell auf dieser frühen Pionierphase auf.
In der Computerschach-Geschichte nimmt der Chess Challenger daher eine ähnliche Rolle ein wie die ersten Heimcomputer in der allgemeinen Computerentwicklung: technisch primitiv, aber historisch richtungsweisend.
Bilder
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Beim CC1 waren Spalten und Reihen vertauscht
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Prototyp des CC1
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Kommerzielle Version des CC1
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Bereits zur Patentanmeldung sind Spalten und Reihen vertauscht!
